Wirtschaftsfaktor Fußball: "Die WM ist kein Konjunkturprogramm"

- Arbeitsplätze, Konjunkturschub, Stimmungsaufschwung - Sportfunktionäre und Politiker schreiben der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland sagenhafte Wirkungen zu. Seriöse Experten sehen das anders. Das Institut der deutschen Wirtschaft urteilt: Effekte der Veranstaltung auf die deutsche Wirtschaft seien "kaum größer als die Titelchancen von Trinidad und Tobago". Warum das so ist und wer trotzdem profitiert, erklärt Markus Kurscheidt, Sportökonom der Ruhruniversität Bochum.

In Ihrer Studie befassen Sie sich mit den wirtschaftlichen Effekten der WM. Welche Daten liegen Ihrer Erhebung zugrunde?

Markus Kurscheidt: Drei Größen sind zentral: Die Ausgaben beim Stadionbau, etwa 1,5 Milliarden Euro, und die Ausgaben ausländischer Gäste, von 530 bis 800 Euro pro WM-Ticket für Reise, Unterkunft etc. zusammen. Zuletzt fragten wir, ob sich die neuen Stadien nach der WM betriebswirtschaftlich rechnen, oder ob sie die Volkswirtschaft eher belasten - was wahrscheinlich ist.

Mancher erhofft sich wirtschaftliche Impulse. Sind Sie ähnlich optimistisch?

Kurscheidt: Viele Menschen neigen zu übersteigerten Hoffnungen. Einige Branchen werden sicher profitieren. Aber die WM ist kein Konjunkturprogramm und sie löst auch nicht die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands. Von einem neuen Wirtschaftswunder zu sprechen, ist also Unfug.

Können Sie uns nicht doch etwas Hoffnung machen?

Kurscheidt: Klar. Die WM ist eine interessante Standortwerbung und kommt zum perfekten Zeitpunkt für die gedämpfte wirtschaftliche Gemütslage. Wir können uns und vor allem der Welt zeigen, was dieses Land kann. Ginge es aber darum, eine größere Wirkung für unsere Volkswirtschaft zu erzielen, sollten wir das Geld in andere Bereiche investieren.

Was bleibt denn am Ende auf der Habenseite?

Kurscheidt: Etwa 1,5 Milliarden Euro gesamtwirtschaftlicher Gewinn. Das ist in einer so großen Volkswirtschaft wie Deutschland sehr wenig, aber die WM wird sich dennoch langfristig rechnen. Von 2003 bis 2010 wird das Bruttoinlandsprodukt um acht Milliarden Euro steigen. Das hört sich gewaltig an - pro Jahr sind das aber nur 0,04 bis 0,05 Prozent des BIP.

Und wenn Deutschland den Titel holt?

Kurscheidt: Das wäre in erster Linie wichtig für die Stimmung im Land. Aber das Beispiel Frankreich hat 1998 gezeigt, dass von einem souveränen Sieg des Gastgebers auch Konsumimpulse ausgehen können.

Wer wird denn am meisten von der WM profitieren?

Kurscheidt: Hauptgewinner ist definitiv der Weltverband Fifa. Der Deutsche Fußball-Bund und das WM-OK kommen wohl plus/minus null aus der Sache heraus, beide profitieren aber von der Förderung des Fußballs im Allgemeinen. Außerdem lässt sich die Steigerung des BIP um acht Milliarden Euro auf etwa 30 000 Arbeitsplätze umrechnen. Wie viele davon längerfristig erhalten bleiben, ist schwer zu sagen. Die genannten Zahlen halte ich für Kaffeesatz-Leserei, obwohl ich 5000 bis 10 000 für nicht unrealistisch halte.

Wird es Branchen geben, die man als Gewinner nennen kann?

Kurscheidt: Das Eventgewerbe, das sich um das ,Public Viewing’ kümmert und das Sicherheitsgewerbe. Daneben Sportartikelhersteller, Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie sowie das Baugewerbe und die Unterhaltungsindustrie. Aber man muss vorsichtig sein: Ohnehin geplante Käufe könnten wegen der WM oder der Mehrwertsteuer-Erhöhung vorgezogen werden. Dann würde in den beiden nächsten Jahren entsprechend weniger verkauft.

Wird es auch Verlierer geben?

Kurscheidt: Ja, andere Sportarten oder der Kultursektor sind hier zu nennen. 2006 konzentriert sich alles auf den Fußball, und wer dabei mit den Wölfen heult, muss schon verdammt laut heulen, um Gehör zu finden. Auch für die kleineren WM-Städte könnte es kritisch werden. Da werden einige Hoffnungen unerfüllt bleiben, die Fans sich kaum an diese Städte erinnern. Oder könnten Sie mir - abgesehen von Tokio, Yokohama und Seoul - noch Austragungsorte der WM 2002 nennen?

Wie ist demnach Ihr Fazit?

Kurscheidt: Man sollte die WM nicht unter dem Motto ,Brot durch Spiele’ sehen und überzogenen Erwartungen wirtschaftlicher Art eine klare Absage erteilen. Es geht mehr um den Imagegewinn und um die sozialen Wirkungen dieses Ereignisses, genauso wie um das Thema Völkerverständigung.

Das Gespräch führte Marco Mader.

"Hauptgewinner ist der Weltverband Fifa": Markus Kurscheidt.

Die WM, die in knapp zwei Wochen beginnt, ist vielleicht ein Stimmungsfaktor, aber sicher wirtschaftlich kaum relevant.Foto: Bongarts

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