Wirtschaftsweiser: Löhne müssen spürbar steigen

Berlin - Die Löhne müssen nach Ansicht des Mitglieds im Rat der Wirtschaftsweisen, Peter Bofinger, in den anstehenden Tarifrunden stärker steigen als in den vergangenen Jahren. "Wenn der Aufschwung bleiben soll, müssen die Löhne wieder spürbar steigen".

Es seien deutlichere Lohnerhöhungen notwendig, damit der private Verbrauch in diesem Jahr eine Stütze des Wachstums werden könne, so Bofinger gegenüber dem "Tagesspiegel". Deutschland müsse wieder zu normalen Lohn-Zuwachsraten zurückkehren. Es gehe nicht darum, etwas nachzuholen "oder einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen". Lohnzurückhaltung wie hierzulande in den vergangenen Jahren habe es außer in Japan in keinem anderen Land der Welt gegeben.

Bofinger schlug vor, als Faustformel die Inflations-Zielmarke der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent zu nehmen und die um rund 1,5 Prozent höhere Produktivität hinzuzurechnen. "Die Effektivlöhne der Gesamtwirtschaft müssten also um etwa 3,5 Prozent steigen", regte er an. "Dann kann der private Konsum die Wirtschaft in diesem Jahr noch besser stützen."

Rudolf Hickel, Wirtschaftsprofessor aus Bremen, rechnet sogar mit einem verteilungspolitischen Spielraum von 3,5 bis vier Prozent. Da die Löhne rund die Hälfte der privaten Nachfrage in Deutschland ausmachten, müssten die nach schwachen Jahren nun wieder ordentlich steigen. "Wir müssen weg aus der Exportabhängigkeit und brauchen einen Schwenk hin zur Binnenwirtschaft", sagte Hickel dem Blatt.

Die Acht-Prozent-Forderung im öffentlichen Dienst ist für Hickel gerechtfertigt: "ver.di muss jetzt ein Signal setzen, denn der öffentliche Dienst ist in den letzten Jahren benachteiligt worden." So bewege sich eine Krankenschwester mit ihrem Nettoeinkommen nur knapp über dem Mindestlohnniveau. Dagegen mahnte die Wirtschaft die Gewerkschaften zur Zurückhaltung. "Sollten die Gewerkschaften hohe Lohnforderungen durchsetzen, würde das die EZB in die Klemme bringen", sagte Volker Treier, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Sie könnte dann die Zinsen womöglich nicht senken, sollte sich die Finanzkrise in Deutschland doch noch stärker auswirken." Blieben die Gewerkschaften auch in diesem Jahr bei maßvollen Runden, könnten noch mehr Jobs entstehen, sagte er.

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