Der wohlbehütete Kundenstamm

Mittelstand im Blickpunkt: - Von der OP-Schwester zur Modistin. Vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber. Mit einem Hutgeschäft in der Theatinerstraße in München hat sich Christine Halbig selbstständig gemacht. Sie haben breite Krempen, große Schleifen, bunte Bänder, kleine Schleier oder nichts von alldem und sind eher schlicht und unauffällig. Alle Hüte der Modistin Christine Halbig sind Unikate. Handgefertigt.

"Ach, mir steht ja eigentlich überhaupt nichts" - diesen Spruch hört die 39-Jährige fast jeden Tag, wenn Kunden in ihr kleines Geschäft in der Theatinerstraße kommen und eine Kopfbedeckung brauchen, weil sie auf eine Hochzeit eingeladen sind oder eine passende Garderobe für das berühmte Pferderennen in Ascot suchen. Dabei gibt es niemanden, dem überhaupt kein Hut steht. "Man muss bei dem ein oder anderen nur ein bisschen mehr probieren", sagt Christine Halbig.

Und das kann bei den mehreren hundert Modellen in ihrem Laden durchaus ein bisschen länger dauern. "Aber eine richtige Beratung ist wichtig", meint Christine Halbig, "ein Hut muss passen, schließlich sitzt er mitten im Gesicht." Am liebsten sind ihr da Touristen, die in der kleinen Passage auf sie stoßen und gut gelaunt und ohne Eile einen Hut aussuchen - einige bleiben ihr auch nach dem Urlaub treu.

Dass es so schwer ist, sich einen Kundenstamm aufzubauen, hatte die 39-Jährige anfangs nicht gedacht: "Ich hatte eine gute Start-Phase im Winter, da ist immer Hauptsaison für Hüte. Aber danach wurde es hier ganz schön leise", erinnert sie sich.

Christine Halbig folgte damals ihrem Bauch, als sie nach zehn Jahren den Beruf als OP-Schwester aufgab und eine Ausbildung zur Modistin begann. Als sie 1998 die Abschlussprüfung bestand, spielte sie schon mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen - "das rumorte richtig in mir". Sie machte ihren Meistertitel, arbeitete als Angestellte und als die Berufsschule für Hutmacher von Regensburg nach München zog, begann sie dort nebsenbei als Dozentin.

Parallel dazu schmiedete sie erste Pläne. Und suchte sich Hilfe. Das würde sie jedem Neueinsteiger raten: "Alleine ist das nicht zu schaffen." Sie holte sich Unterstützung bei der Handwerkskammer und einem erfahrenen Begleiter von den "Aktivsenioren Bayern" (siehe Infokasten). Zweimal musste sie ihren Businessplan neu erstellen, weil er nicht stimmig war. Auch die ersten Banken hatten einen Kredit abgelehnt, aber "man darf sich nicht entmutigen lassen".

Bis die Finanzierung stand und sie eine passende Immobilie gefunden hatte, vergingen ein paar Jahre. Dann begann im Herbst 2005 die "Wahnsinns-Zeit": Der Laden musste renoviert und eingerichtet, Stoffe und Materialien besorgt werden. "Einen Monat lang habe ich zuhause am Küchentisch vorproduziert", erzählt Christine Halbig. Dass ihr Geschäft angenommen werden würde, davon war sie von Anfang an überzeugt.

Doch das erste Jahr hielt sie nur mit dem staatlichen Überbrückungsgeld durch. Jetzt im dritten Jahr sieht die 39-Jährige eine "klare Tendenz nach oben". Sie geht sehr viel mehr in die Offensive, versucht ihren Kunden im Gedächtnis zu bleiben. Sie schreibt sie regelmäßig persönlich an, lädt zu Werkstatt-Besichtigungen ein oder veranstaltet ein Benefiz-Konzert. "Das alles musste ich erst lernen."

Mittlerweile hat Christine Halbig eine Angestellte, sodass sie sich auch einmal ein freies Wochenende gönnen kann. Unter der Woche stehen sie beide zusammen um einen riesigen Holztisch im Atelier oberhalb des Ladens, auf dem alles liegt, was eine Modistin braucht: Zwischen einer Nähmaschine, unzähligen Rollen Garn, Modellköpfen, Nadeln und verschiedenen Stoffen findet sich auch ein Wasserkocher - um dem Filz mit Wasserdampf den letzten Schliff zu geben, erklärt Christine Halbig.

Dass sie oft zwölf Stunden oder länger in ihrem Geschäft steht, sei vollkommen in Ordnung. Schließlich habe sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Und vor harter Arbeit fürchtet sich Christine Halbig nicht, eher noch vor einem Wiederaufleben der toupierten Frisuren: "Dann setzt ja keine Frau mehr einen Hut auf."

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