Wohlstand oder Angst?

München - Mitten im Wirtschaftsaufschwung denken die Deutschen offenbar schon wieder an schlechtere Zeiten. Sie legen so viel Geld auf die hohe Kante wie seit Jahren nicht mehr.

Fast elf pro 100 eingenommenen Euro legten die Bundesbürger im ersten Halbjahr 2007 zurück. Die Sparquote stieg damit nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden auf 10,9 Prozent, nachdem sie in den ersten sechs Monaten des Vorjahres noch 10,5 Prozent betrug.

Einen so hohen Anteil ihres Einkommens versenkten die Deutschen zuletzt Mitte der 90er im Sparschwein. Von Januar bis einschließlich Juni waren es im Schnitt 170 Euro pro Monat, die in Wertpapierdepots, Lebensversicherungen oder auf Sparkonten flossen.

Fachleute beurteilten die Zahlen, die anlässlich des heutigen Weltspartages veröffentlicht wurden, unterschiedlich. "In Zeiten des Aufschwungs ist es normal, dass die Menschen mehr zurücklegen, damit sie während eines Abschwungs von dem Polster zehren können", sagte Christian Dreger, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin gegenüber unserer Zeitung.

Sein Kollege Wolfgang Nierhaus vom Münchner Ifo-Institut sieht in der wachsenden Sparquote hingegen mangelndes Vertrauen in die Konjunktur: "Die Leute sind stark verunsichert."

Der Ifo-Experte führt das einerseits auf die Preisschocks der vergangenen Wochen für Lebensmittel und Energie zurück. "Die Haushalte wollen erst einmal abwarten, ob es nicht noch weitere Aufschläge gibt", sagte er. Zum anderen habe die Mehrwertsteuererhöhung die Ausgabebereitschaft gebremst.

Weil die Konsumenten viele Anschaffungen auf 2006 vorzogen, bestehe nun weniger Einkaufsbedarf. Darüber hinaus steigert aber auch der Trend zur privaten Altersvorsorge die langfristige Sparquote,erklärte Nierhaus.

Die Gewerkschaften sehen noch eine ganz andere Ursache: "Die steigende Sparquote ist Ausdruck der wachsenden Ungleichheit", sagte der Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Dierk Hirschel auf Nachfrage. Gut bis sehr gut verdienende Haushalte konnten ihre Einkommen nach seinen Angaben in den letzten Jahren deutlich höher steigern als einkommensschwache.

Weil Besserverdiener aber wesentlich mehr Spielraum haben, Geld zurückzulegen, habe der gesamtdeutsche Durchschnitt zugenommen. Nach Daten des DGB sparen Haushalte mit einem verfügbaren Jahreseinkommen von über 60 000 Euro mehr als ein Viertel. Gemeinschaften, denen weniger als 10 000 Euro bleiben, könnten hingegen überhaupt nichts zurücklegen, sondern müssten Schulden machen.

Trotz der zunehmenden Neigung zum Sparen rechnet das Ifo-Institut nicht mit einem Wegbrechen der in den vergangenen Jahren ohnehin schwachen Binnenkonjunktur. "Der private Konsum wird im kommenden Jahr ein Träger des Aufschwungs sein", betonte Wolfgang Nierhaus. Die höhere Sparquote sei in den Wachstumsprognosen für das Jahr 2008 bereits berücksichtigt. Für den von der Konsumnachfrage stark abhängigen Handel und das Handwerk sei die Nachricht allerdings wenig erfreulich.

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