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München - Vor dem Hintergrund der Finanzkrise blicken die meisten Branchen in Deutschland pessimistisch in die Zukunft. So erwarten 35 von 43 Wirtschaftsverbänden 2009 niedrigere Umsatz- und Produktionszahlen als 2008.

Womit Bayerns Schlüsselbranchen rechnen

München - Vor dem Hintergrund der Finanzkrise blicken die meisten Branchen in Deutschland pessimistisch in die Zukunft. So erwarten 35 von 43 Wirtschaftsverbänden 2009 niedrigere Umsatz- und Produktionszahlen als 2008.

Das ergab eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Da bildet der Freistaat keine Ausnahme:

Einzelhandel

"Es zeigen sich dunkle Wolken", sagt Bernd Ohlmann, Sprecher des Landesverbands des Bayerischen Einzelhandels, im Hinblick auf das kommende Jahr. Konkrete Prognosen könne man unmöglich geben, dennoch hält Ohlmann auf den Umsatz bezogen eine schwarze Null Ende 2009 für möglich. Wie es um die aktuell rund 335 000 Beschäftigten im bayerischen Einzelhandel bestellt ist, hänge stark von der Verbraucherstimmung ab.

"Wir hoffen, den Schwung aus dem Weihnachtsgeschäft ins neue Jahr mitnehmen zu können", sagt Ohlmann. Allerdings flattern den Verbrauchern in den kommenden Wochen die Heizkostenabrechnungen in die Briefkästen, was die Kauflaune wieder merklich drücken dürfte. "Das Jahr 2009 ist wie eine Nebelwand", verdeutlicht der Einzelhandelssprecher, niemand wisse, was sich dahinter verberge.

Handwerk

Das sehen Bayerns Handwerker ähnlich. "Einen Ausblick ins Jahr 2009 zu geben, gleicht Kaffeesatzleserei", meint Heinrich Traublinger, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Zwar könnte es durchaus gelingen, sowohl den Umsatz als auch die Anzahl der Beschäftigten im kommenden Jahr auf gleichem Niveau zu halten, aber dafür müssten viele Faktoren zusammenspielen.

Derzeit zeige sich die Ausrichtung des Handwerks auf den Binnenmarkt als Stärke. "Kommen nun politische Maßnahmen, wie etwa die Ankündigung einer Steuersenkung dazu, könnte sich das stimulierend auswirken", sagt Traublinger. Derzeit beschäftigt das bayerische Handwerk rund 864 000 Menschen, das sind 0,9 Prozent mehr als 2007.

Metall- und Elektro

In der Metall- und Elektroindustrie ist von Optimismus wenig zu spüren. Besonders die arg gebeutelte Automobilindustrie macht der Branche zu schaffen. Zwar werde es "einigen Branchen im Maschinenbau wie den Landmaschinen, den Herstellern von Energie- und Medizintechnik weiter gut gehen", sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser der Nachrichtenagentur AP. "Wir dürfen aber nicht nur auf diese aktuellen Zugpferde vertrauen, sondern müssen in größeren Dimensionen denken. Die deutsche M+E-Industrie ist das Herzstück der deutschen Wirtschaft mit über 3,65 Millionen Beschäftigten."

Ich freue mich auf 2009, weil...

Bayernweit sind es derzeit 750 000 und im kommenden Jahr sei ein Personalabbau "wohl unvermeidlich", sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Metallarbeitgeberverbände BayME und VBM. "Die Rezession wird Arbeitsplätze kosten; wie viele, weiß niemand", so Brossardt. "Wenn wir bis Ende 2009 in einer Schwankungsbreite zwischen 740 000 und 750 000 bleiben, sind wir glimpflich davongekommen."

Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer betont, dass im Freistaat jeder sechste Arbeitsplatz direkt oder indirekt an der Automobilindustrie hänge. Die Zulieferindustrie ist in Alarmstimmung. "Wir befinden uns in der eklatant schwierigsten Lage seit 60 Jahren", sagt der Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), Robert Rademacher. Zwei von drei Autohändlern würden das laufende Jahr mit Verlusten abschließen.

Chemische Industrie

"Als Zulieferer sind auch wir von anderen Branchen abhängig", sagt Franz-Xaver Völkl vom Wirtschaftsverband der bayerischen chemischen Industrie mit derzeit rund 60 000 Beschäftigten. Der starke Nachfrage-Rückgang vor allem aus der Automobilindustrie sei "schneller als erwartet gekommen", so Völkl. Dennoch gehe die Chemie-Branche "mit einer gewissen Hoffnung ins neue Jahr". Vor allem die gesunkenen Rohstoffkosten könnten so manchen neuen Auftrag bescheren.
Von einem möglichen Abbau von Arbeitsplätzen sei derzeit nichts zu hören, sagt Völkl. Einstellungen würden allerdings nur sehr zurückhaltend erfolgen.

Finanzbranche

Vor einem schwierigen Jahr steht die gesamte Finanzbranche, die in Bayern rund 120 000 Menschen beschäftigt - ein Stellenabbau ist in vielen Unternehmen bereits beschlossene Sache. So etwa bei der HypoVereinsbank: Nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi werden rund 2500 Stellen wegfallen, ein Großteil davon in München. Bei der schwer angeschlagenen BayernLB sollen in den kommenden Jahren mehr als 5600 Arbeitsplätze gestrichen werden - 800 davon in München und Nürnberg. Beim Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate steht der Abbau von 1000 der weltweit 1800 Arbeitsplätze an, der Großteil davon allerdings im Ausland.

Bankangestellte seien gleich doppelt gestraft, meint Klaus Grünewald von Verdi. "Zum einen müssen sie um ihren Arbeitsplatz fürchten", sagt Grünewald. Zum anderen müssten sich viele auch privat einiges gefallen lassen. "Der Begriff Bankberater ist zum Schimpfwort mutiert und nicht selten werden Bankangestellte als kriminell hingestellt", so der Gewerkschafter. Das belaste enorm.

Doch 2010 könnte es noch schlimmer kommen. "Der Knackpunkt sind im kommenden Jahr die Kredit-Rückzahlungen", erklärt Grünewald. Sollte es hier aufgrund zunehmender Firmeninsolvenzen Probleme geben, werde sich das im Jahr 2010 "schlagend" auswirken und noch mehr Menschen könnten ihren Arbeitsplatz verlieren.

Stefanie Backs

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