Wüstenstrom soll Europa entlasten

München - Mit Wüstenstrom aus Nordafrika könnte Europa langfristig seine Stromkosten um rund 40 Prozent senken. Dies zeigt eine Studie der Desertec-Industrie-Initiative. Bis zur Umsetzung der ambitionierten Ziele ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Während sich Umweltminister Peter Altmeier (CDU) derzeit mit der Frage beschäftigt, wie die Windenergie von der Nordsee nach Bayern kommt, denkt Paul van Son, Geschäftsführer der Desertec-Industrie-Initiative (Dii), in weit größeren Kategorien. Seine Vision: Ein Stromverbund zwischen Europa und Nordafrika, der Solarenergie aus der Sahara bis nach Deutschland bringt. Schrittweise soll die Vision in den nächsten Jahrzehnten Wirklichkeit werden – und damit die Kosten für die Energiewende langfristig senken.

„Wir reden hier über die Energieversorgung der Zukunft“, sagt van Son bei der Vorstellung einer Machbarkeitsstudie selbstbewusst. Vor drei Jahren entstand die Desertec-Initiative, hinter der Konzerne wie Munich Re, Siemens, RWE und Eon stehen. Das Konsortium sorgte mit gewaltigen Zahlen für Aufsehen: Bis 2050 sollten rund 15 Prozent des europäischen Stroms aus der Sahara kommen. Die Gesamtkosten schätzten Experten bis 2050 auf 400 Milliarden Euro. Jetzt zeigt sich: Die gigantische Investition rechnet sich.

„Wir haben kostengünstige, unerschöpfliche Potenziale zur Erzeugung von Energie in der Wüste“, sagt Dii-Geschäftsführerin Aglaia Wieland. Davon könnte auch Europa mit einer Einsparung von 33,5 Milliarden Euro im Jahr profitieren, so die Autoren der Studie. Ihre Kalkulation: Im Jahr 2050 kostet in Europa erzeugter Strom rund 73 Euro je Megawattstunde, Wüstenstrom dagegen nur 58 Euro. Weitere 15 Euro je Megawattstunden würden gespart, weil mit dem Verbund weniger Energiespeicher und teure Reservekraftwerke für Engpässe nötig seien. Wieland verweist auf einen weiteren Vorteil: Angebot und Nachfrage von erneuerbaren Energien im Norden und Süden würden sich bestens ergänzen. So ist der Stromverbrauch in Europa im Winter deutlich höher als im Sommer, in Nordafrika dagegen genau umgekehrt. „Das schafft zusätzlich Stabilität“, so Wieland.

Bis Strom aus der Sahara nach Europa fließt, ist es noch ein schwieriger Weg. Desertec setzt auf Pilotprojekte in Marokko, Tunesien und Algerien. Die ersten beiden Wind- und Sonnenkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 250 Megawatt sollen in Marokko entstehen. Bis Ende 2012 sei alles unter Dach und Fach, hofft Wieland. 2014 könnte dann der erste Strom aus Nordafrika über die einzige Verbindung zwischen Marokko und Spanien nach Europa fließen.

Insgesamt sollen in Marokko in den nächsten Jahren Wind- und Solarkraftwerke mit einer Leistung von 500 Megawatt gebaut werden. Dies entspricht etwa der Hälfte der Leistung eines Atomkraftwerks. Die Kosten beziffert Wieland auf rund zwei Milliarden Euro. Zwar gebe es genügend Investoren, bisher fehle aber die Risikoabsicherung über Staaten oder die Versicherungswirtschaft. Das Investitionsklima sei angesichts der Schuldenkrise derzeit schwierig, räumt Wieland ein.

In der Studie wurden auch ungünstige Szenarien bei der Energiewende berücksichtigt. Selbst wenn der Netzausbau teurer oder heimischer Ökostrom stärker ausgebaut werde, mache der Wüstenstrom Sinn, betont Dii-Experte Florian Zickfeld. Ein Ökostromverbund zwischen Europa und Nordafrika biete stets günstigere Stromkosten.

Dii-Geschäftsführer van Son sieht auch die Politik in der Pflicht. Er fordert attraktivere Rahmenbedingungen für Investitionen in Nordafrika. Daran krankt derzeit auch die Energiewende in Deutschland: „Wir können nicht nur herumreisen auf Konferenzen“, klagt van Son. „Wir müssen auch sehen, dass etwas passiert."

VON STEFFEN HABIT

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