Wütende Milchbauern blockieren Molkerei

Hohenwestedt/Berlin - Aus Wut gegen die aus ihrer Sicht zu niedrigen Milchpreise haben Bauern in Schleswig-Holstein in der Nacht eine Molkerei blockiert.

Etwa 150 Milchproduzenten versperrten seit Donnerstagabend mit ihren Traktoren die Zufahrt zu einer Molkerei in Hohenwestedt, wie die Polizei am Freitag in mitteilte.

Viele Demonstranten gingen im Laufe der Nacht schlafen, ihre Trecker ließen sie jedoch stehen. Seit Dienstag boykottieren zahlreiche Bauern in ganz Deutschland die Molkereien, um einen Preis von 43 Cent je Liter Milch zu erzwingen. Dass die Proteste Erfolg haben werden, davon zeigte sich der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) auch am vierten Tag der Aktion überzeugt: "Wir glauben nach wir vor nicht den Meldungen, dass es im Einzelhandel keine Probleme gibt", sagte BDM-Pressemitarbeiter Franz Grosse am Vormittag in Berlin. Spätestens von Samstag an werde es in vielen Regionen leere Kühlregale geben.

Die Gegenseite, der Milchindustrieverband (MIV), rechnete aber mit keinen großen Einschränkungen, vor allem nicht im Lebensmitteleinzelhandel. "Welche Folgen sich bei einer Fortsetzung beziehungsweise Ausdehnung des Streiks ergeben, ist nicht absehbar", hieß es allerdings in einer Mitteilung des MIV. Ein Ende des Boykotts ist noch nicht in Sicht. Unterdessen schlossen sich Bauern aus dem Ausland den Protesten an.

Doch schon am Donnerstag waren sich die Verbände uneins über die Reichweite der Protestaktionen. "Ich gehe davon aus, dass heute 70 Prozent weniger Milch kommt", hatte BDM-Vorsitzender Romuald Schaber gesagt. MIV-Sprecher Michael Brandl rechnete mit maximal 20 bis 30 Prozent an Liefereinbußen. Der Einzelhandel berichtete von gefüllten Regalen und bezeichnete Warnungen vor flächendeckenden Engpässen als "haarsträubende Panikmache".

Nach Angaben des Milchbauernverbandes mussten dagegen am Donnerstag erste Betriebe die Produktion ein- oder umstellen, da ihnen die Milch ausging, wie etwa Käsereien in Bayern. Bei Rendsburg in Schleswig-Holstein hielten mehrere hundert Bauern am Abend die Zufahrtswege zu einer Molkerei besetzt und wollten dort übernachten.

"Wir können den Streik nicht 1:1 ausgleichen", sagte der Geschäftsführer eines Milchgroßhändlers, Uwe Kockerbeck. "Wir können nicht so viel Milch von außerhalb einführen wie wir momentan verlieren." Der Spotmarkt reagiere auf Knappheit sofort, sagte er. Der Preis für diese Milch sei binnen einer Woche von 28 auf mehr als 40 Cent gestiegen. Die Milchindustrie hatte gesagt, der Boykott sei über das Ausland problemfrei auszugleichen.

Auch im Ausland zeigen sich Bauern mit ihren deutschen Kollegen solidarisch. 400 Schweizer Bauern liefern ihre Milch nicht mehr an die Molkereien, wie ein Sprecher der Bauernvereinigung Uniterre im Schweizer Fernsehen sagte. Der Preis sei nicht mehr kostendeckend. Laut BDM beginnt in Italien beginne am heutigen Freitag ein Boykott, belgische Bauern zeigten sich ebenfalls solidarisch. Bauernverband- Sprecherin Scharl sagte dagegen: "Wir sehen im Ausland im Prinzip keine Beteiligung". In einzelnen Ländern gebe es verhaltene Proteste.

10 bis 14 Tage könnten die Erzeuger locker durchhalten, sagte Schaber. Viele Bauern liefern ihre Milch seit Dienstag nicht mehr an die Molkereien. Stattdessen verfüttern sie sie an die Kälber oder schütten sie weg. Der BDM fordert einen Milchpreis von 43 Cent je Liter, derzeit werden je nach Region zwischen 27 und 35 Cent gezahlt.

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