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Packen an: Majdi Ouerghi (li.) und Gül Hilaldin haben die Ferien zum Quali-Training genutzt.

Serie "Die Zukunft der Arbeit": Der zähe Kampf gegen Klischees

Junge Menschen werden zur Mangelware, gleichzeitig tut sich die Gesellschaft scheinbar immer schwerer mit ihnen. Bei vielen Chefs gelten sie als ausbildungsunfähig. Dabei liegt auf den Jungen die Last der Zukunft – Münchner Hauptschüler stellen sich ihr.

Lesen Sie hier die bisherigen Teile der Serie:

Gymnastik am laufenden Band

Da tickt eine Zeitbombe

Zu alt, zu teuer, überqualifiziert

"Schlechte Arbeit macht alt"

Sie haben keinen Bock. Keinen Bock auf Hartz IV. Keinen Bock, gleich nach der Schule in der Arbeitslosen- Schublade zu verschwinden. „Auf Kosten vom Staat leben? Das ist doch kein Ziel“, meint Majdi Ouerghi. Er ist 15, in München geboren, seine Eltern stammen aus Tunesien. „Einen gescheiten Beruf“ will auch Gül Hilaldin. Sie ist 16, als Uigurin im Westen Chinas geboren, ihre Eltern kamen vor 11 Jahren nach Deutschland.

Sie beide träumen davon, nach der Schule als Kfz-Mechatroniker und Hebamme zu arbeiten – doch sie träumen nicht nur. Sie tun etwas dafür, kämpfen gegen Klischees, schlechte Noten, den inneren Schweinehund.

Majdi und Gül gehören zu den 28 Münchner Hauptschülern, die in den vergangenen Sommerferien drei Wochen lang im Sommercamp der Industrieund Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern gepaukt haben, um den qualifizierenden Hauptschulabschluss zu schaffen, fit für die Ausbildung zu werden. Gül hatte vor dem Camp „voll viele“ 4er und zwei 5er im Zeugnis – jetzt stehen dort nur noch zwei 4er neben 2ern und 3ern. Statt 6er und 5er wie sonst üblich, glänzt Majdi nun mit 1ern und 2ern. „Ich bin Klassenbester“, sagt er und blickt schelmisch-verlegen zu Boden. Er weiß ganz genau was das heißt. Und er ist stolz darauf.

Ausruhen wollen sich Gül und Majdi auf diesen guten Noten nicht. Die Quali-Prüfungen stehen kurz bevor, und statt die Oster-Ferien zu genießen, lernten sie. Wieder im Kreis der Sommer-Camper. „Der Wunsch nach einem zusätzlichen Quali-Training kam von den Schülern selbst“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer, Peter Driessen. Diese Eigeninitiative sei eine Überraschung gewesen – eine positive.

So saßen die Hauptschüler wieder in kleinen Gruppen zusammen, übten mit den Lehrern Rechtschreibstrategien, Englisch-Vokabeln, die korrekten Formulierungen der Antwortsätze für Mathe- Aufgaben. „Hier macht der Unterricht Spaß. Ich lerne besser“, sagt Majdi. „Für die Zukunft bringt das sicher was“, ergänzt Gül.

Die beiden geben sich optimistisch, dabei hat die Zukunftsangst längst auch in den Schulen Einzug gehalten – die Wirtschaftskrise facht die Furcht weiter an. Dazu kommen ein gewaltiger Leistungs- Druck, eine schnelllebige Welt und die Pubertät, die für jede Menge innere und äußere Turbulenzen sorgt.

Das ist an sich nicht neu. Und doch werden die Klagen vor allem aus der Wirtschaft immer größer, man könne immer weniger mit dem Nachwuchs anfangen, ihm fehle die Ausbildungsreife. Pädagogen und Psychologen halten entgegen, dass es bereits an den Schulen an individuellen Förderungen fehle, man lasse sich nicht mehr aufeinander ein, selektiere früher – teils ohne echte Begründung. Lehrstellen-Bewerber mit 15 Jahren bekommen dieselben nüchternen, juristisch einwandfreien Absagen wie Erwachsene, die frustrieren aber nicht weiterhelfen.

Erwachsene sollten Jugendliche nicht als Problem abstempeln, erklärt der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Er fragt provokativ: „Sind Jugendliche unerreichbar oder hat die Gesellschaft zu kurze Arme?“ Für Juul ist es zu simpel, zu behaupten, „wir erreichen die Jugendlichen nicht, also sind die unerreichbar“.

Es baut sich ein Negativ- Image über „die“ Schulabgänger auf – besonders Hauptschülern begegnet man mit vielen Vorurteilen. Das merken auch die Jugendlichen und reagieren entsprechend gefrustet – ein Teufelskreis. Die soziale Herkunft spielt in diesem Gesellschafts-Drama eine tragende Rolle. Gibt es Geld für Nachhilfe? Einen eigenen Schreibtisch zum Erledigen der Hausaufgaben? Können die Eltern ihr Kind beim Lernen unterstützen? Das alles hat Einfluss.

Das belegt auch eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler- Stiftung. Sie zeigt, dass es Jugendliche aus einer Arbeiterfamilie seltener an die Uni schaffen und selbst wenn sie sich eingeschrieben haben, mit großen Problemen zu kämpfen haben. „Ein niedriger ökonomischer Status der Eltern ist an Universitäten und Fachhochschulen ein erheblicher Nachteil; ebenso schwer wirkt sich nur noch eine körperliche Behinderung aus“, heißt es in der Studie. Arbeiterkinder bekommen demnach weniger Unterstützung von Zuhause, müssen häufiger Geld verdienen und werden von den Professoren seltener gefördert. Das sei besonders ungerecht, weil diese weder schlechtere Leistungen erbringen, noch häufiger das Studium abbrechen, als ihre Kommilitonen.

Vor einer Brandmarkung fürchten sich auch Gül und Majdi. An die Uni denken sie dabei nicht. Sie wollen arbeiten. Erste Erfahrungen haben sie schon gesammelt – Majdi beim Probearbeiten in einer Auto-Werkstatt, Gül bei ihrem Ehrenamt im Altersheim. Jetzt aber steht das alles zurück, die Quali-Prüfungen sind im Mittelpunkt. „Wir wollen einen guten Schulabschluss – das ist das Wichtigste überhaupt. Schließlich baut alles andere darauf auf“, sagt Gül entschlossen.

Stefanie Backs

In der nächsten Folge lesen Sie wie sich der Fachkräftemangel in den Unternehmen zeigt und welche Lösungen denkbar sind.

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