Zahlen Privatpatienten die Zeche der Gesundheitsreform?

- Sie haben eine günstige Alternative zu den gesetzlichen Kassen gesucht. Jetzt sitzen Millionen privat Krankenversicherte in der Kostenfalle. Zum zweiten Mal in Folge erhöhen die meisten Versicherer ihre Beiträge massiv. Von 3 bis 6 Prozent ist offiziell die Rede. Im Einzelfall kann die Erhöhung aber auch bei mehr als 20 % liegen.

<P>"Einige Beiträge steigen nicht", sagt Kathrin Ehrig von der Allianz Krankenversicherung, "andere dafür zweistellig." Im Durchschnitt betrage die Erhöhung bei der Allianz drei Prozent. Bei gesetzlichen Kassen eröffnet eine Erhöhung ein Sonderkündigungsrecht. Auch Privatversicherte können kündigen. Es bringt ihnen aber nichts. Denn die Gesellschaft behält die Beitragsrückstellungen, die gebildet werden, um den Kostenanstieg im Alter zu bremsen. Damit wird die Sache unerschwinglich.</P><P>Die Kosten klettern</P><P>Die Kosten für privat abgerechnete ärztliche Leistungen sind überproportional gestiegen. Ohnehin steht auf den Rechnungen meist das 2,3-fache oder das 3,5-fache der Sätze aus der Gebührenordnung. Bei der Allianz wurden Rechnungen eingereicht, in denen das 12-fache verlangt wird. "Das wird nicht übernommen", räumt Kathrin Ehrig ein. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass einige Ärzte bei Privatpatienten holen, was sie von den gesetzlichen Kassen nicht mehr kriegen.</P><P>Höhere Lebenserwartung</P><P>Doch das allein erklärt die Prämienexplosion nicht, die bei manchen Gesellschaften weit heftiger ausfällt. Drei Prozent, so die Universa-Krankenversicherung, machen allein die neuen Sterbetafeln aus, nach denen die Menschen immer älter werden, sagt ein Mitarbeiter am Telefon. Um den Ansturm der Versicherten zu bewältigen, werde bei der Nürnberger Gesellschaft eigens ein Team dafür geschult.</P><P>Zu wenige kündigen</P><P>Es gibt auch Gründe, auf die man als Betroffener nicht so leicht kommt: Die "rückläufige Stornowahrscheinlichkeit" sei, so die Universa, für weitere 3 % verantwortlich. Wenn Versicherte den Privaten in Massen den Rücken kehren, dann bleiben deren Rückstellungen zurück und können den Beitragsanstieg der anderen drücken. Dieser Effekt ist wohl durch die Angst vor der Gesundheitsreform zurückgegangen.</P><P>An der Börsen verzockt</P><P>Andere Dinge sagen die Versicherer lieber nicht so deutlich oder sie formulieren vorsichtig: "Die angespannte Kapitalmarktsituation", heißt es offiziell, wenn man sich an den Börsen verzockt hat.</P><P>Keine Kostenkontrolle</P><P>Es gibt auch Faktoren, die zum System gehören. "Die privaten Versicherungen haben anders als die gesetzlichen Kassen keine Kostenkontrolle", sagt Frank Braun vom Bund der Versicherten gegenüber unserer Zeitung. Auch die Werbung neuer Kunden trägt zu der Entwicklung bei. "Junge Leute werden mit niedrigen Beiträgen angelockt und dann abgezockt", zieht Braun die bittere Bilanz.<BR>"Sehr viel kann man nicht dagegen tun", sagt Braun. "Vielleicht den Tarif wechseln." Da ist er sich sogar mit Christian Weber vom Branchenverband PKV einig. Man könne wechseln und finde im Allgemeinen "zufrieden stellende Lösungen", sagt er. Beim Wechsel in einer Gesellschaft bleibt die Rückstellung erhalten. Doch in aller Regel ist das mit Leistungsverzicht - meist eine Selbstbeteiligung - verbunden. Damit ziehen die Privaten in dieser Disziplin mit den Gesetzlichen gleich: Weniger Leistungen - um die Beiträge stabil zu halten.<BR></P>

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