Zeitarbeit statt Praktikum: Was die Leih-Jobs bringen

- Der Zeitarbeitsmarkt boomt, immer mehr Firmen leihen sich Angestellte bei den zahlreichen Anbietern der Branche aus. Und immer mehr Arbeitnehmer aus höher qualifizierten Berufen drängen in den Markt. Wer die Tätigkeit als Sprungbrett in einen richtigen Job nutzen will, sollte aber ein paar Punkte beachten. Als Marc Müller sich bei einer Münchner Zeitarbeitsfirma unter Vertrag nehmen ließ, wollte er sich zu seinem knappen Honorar als freier Journalist eine Zuverdienstmöglichkeit schaffen.

Sein erster Arbeitseinsatz als Leiharbeiter entsprach nicht ganz seinen Vorstellungen -drei Wochen in der Reklamationsabteilung bei der Post, aber gleich anschließend wurde er in die Presseabteilung eines Biotechnologie-Dienstleistungsunternehmens gerufen. Zwei Wochen später stellte ihn die Firma fest an und er blieb neun Jahre lang als Pressesprecher des Unternehmens. Müllers Bilanz: "Mit einer guten Portion Initiative und einem klaren Bild von dem Job, den man dort ausüben möchte, kann man etwas erreichen."

Die Meinungen über Zeitarbeit gehen auseinander

Der Lebenslauf von Marc Müller ist nicht die Regel. Zeitarbeit ist eine höchst zweischneidige Beschäftigungsform, über die es mindestens so viele negative wie positive Erfahrungsberichte gibt. Doch eines ist sicher: Die Branche boomt. Längst hat Zeitarbeitsvermittlung das Image abgelegt, nur ungelernte, schwer vermittelbare Hilfsarbeiter zu beschäftigen. Vielmehr drängen zunehmend Arbeitnehmer aus höher qualifizierten Berufen, vom Ingenieur bis zum Manager, in die Branche.

Es gilt das Motto: Alles ist besser als Arbeitslosigkeit. "Hier erhält man oft immer noch mehr Lohn, als das Arbeitslosengeld ausmacht, vor allem wenn man mal Hartz IV erreicht hat", stellt der Frankfurter Rechtsanwalt Ulrich Germer fest. Man bleibt auf dem Arbeitsmarkt aktiv und hat einen Fuß in der Tür und für manche wird das befristete Arbeitsverhältnis tatsächlich zum Sprungbrett in die Festanstellung. Soll aus der Leiharbeit ein fester Job werden, ist gute Leistung beim Arbeitseinsatz im Entleihbetrieb die Grundvoraussetzung.

Doch darüber hinaus ist die Sozialkompetenz heute fast ebenso wichtig: Man sollte sich in seinem Zeitarbeitsjob als team- und kommunikationsfähig erweisen. Außerdem kann man Kollegen und Personalverantwortliche frühzeitig wissen lassen, dass man gerne bleiben würde. Allerdings sollte man bedenken: Unternehmen, die auf Zeitarbeiter setzen, wollen oder können keine Festangestellten beschäftigen.

"Oft gilt ein Einstellungsstopp", sagt Michael Felser, Rechtsanwalt aus Brühl. Zeitarbeiter sollen der Definition nach in Übergangszeiten einspringen, als Urlaubsvertretungen eingesetzt werden, Auftragsspitzen abfangen und bei Projektarbeit mitwirken als sogenannte Personalreserve. Große Chance für Berufsanfänger Nicht nur für Arbeitssuchende, auch für Berufseinsteiger wird Zeitarbeit nach der Ausbildung oder auch einem Studium als große Chance angepriesen. "Hier kann man Praxiserfahrung sammeln, anstatt unbezahlte Praktika zu absolvieren", sagt Rechtsanwalt Germer.

Das Arbeiten bei verschiedenen Firmen spreche für Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. "Berufsanfänger in bestimmten Branchen sollten aber auch bedenken, ob sie über Zeitarbeit wirklich in den Betrieben landen, in denen sie später auch arbeiten wollen", meint Felser. "Gerade in Bereichen wie Marke-Branting oder bei Werbeagenturen setzen die Arbeitgeber eher nicht auf Leiharbeiter, sondern können auf Werkverträge oder auch freie Mitarbeit zurückgreifen."

Einen schweren Nachteil hat die Zeitarbeit: Nicht nur das Honorar liegt in der Regel rund 30 Prozent unter dem der Stammbelegschaft. Auch "Aufstiegschancen innerhalb der Zeitarbeitsfirma hat man keine", betont Felser. Deshalb ist diese Arbeit meist nur eine Übergangslösung.

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