Klaus Franz war elf Jahre Chef des Opel-Betriebsrats.

Zeitenwende: "Mr. Opel" tritt ab

Rüsselsheim - Opel verliert mit Betriebsratschef Franz ein markantes Gesicht. Als Sprachrohr des Autobauers ist er seit Jahren allgegenwärtig. Sein designierter Nachfolger steht vor harten Verhandlungen.

Zeitenwende bei Opel: Während die GM-Konzernführung die verbliebenen 40 000 Opelaner in Europa auf weitere Einschnitte vorbereitet, ist der langjährige Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, Klaus Franz, am Mittwoch verabschiedet worden. Nach knapp 37 Jahren im Unternehmen und mehr als elf Jahren als oberster Arbeitnehmervertreter tritt der 59 Jahre alte Schwabe mit dem markanten Schnauzbart ab. Den längst vorgezeichneten nächsten Kampf mit der US-Mutter General Motors (GM) um Jobs und Werke wird nun ein anderer ausfechten: Wolfgang Schäfer-Klug.

Strippenzieher Franz hatte in der tiefen Unternehmenskrise 2009 und 2010 an allen Fronten für das Überleben der Marke Opel gekämpft und auch selbst Strategien für “New Opel“ erarbeitet. Dabei wurde er in der Öffentlichkeit zum Gesicht des Herstellers. Vielen galt der Pragmatiker, der nun in die arbeitsfreie Phase seiner Altersteilzeit eintritt, als heimlicher Manager der Marke mit dem Blitz.

Mitte Januar soll Schäfer-Klug zum Anführer der Arbeitnehmer gewählt werden soll. Der hochgeschossene 49-Jährige ist ein enger Vertrauter seines Vorgängers, der ihn vor elf Jahren von der Technischen Universität Darmstadt zu Opel geholt hatte. Seither arbeitete der promovierte Soziologe, der nie in der Autoproduktion malochte, als strategischer Berater des Betriebsrats eng mit Franz zusammen.

Seit Jahren koordiniert Schäfer-Klug die Absprachen mit den europäischen und den US-amerikanischen Kollegen. Er ist der treue Weggefährte, der stets im Schatten des umtriebigen und wortgewaltigen Vorsitzenden des Opel-Gesamtbetriebsrates die Fäden zog. Bei Opel heißt es, kaum einer kenne den Betriebsrat so gut wie er.

Das dürfte wichtig werden. Denn viel Zeit zum Einarbeiten hat der Darmstädter nicht. Bei Opel ist nach der Sanierung vor der Sanierung: Seit Jahren steckt die Marke in den roten Zahlen, selbst der tiefgreifende Umbau hat den Hersteller nicht zurück in die Erfolgsspur gebracht. Dabei hat der Autobauer in den letzten Monaten europaweit 8000 Mitarbeiter entlassen und ein Werk geschlossen. Die verbliebenen 40 000 Mitarbeiter verzichten auf Milliarden.

Doch die Staatsschuldenkrise hat alle Absatzhoffnungen zunichtegemacht, längst hat sich Opel von der Gewinnprognose für das kommende Jahr verabschiedet - und das Versprechen für sprudelnde Gewinne weit in die Zukunft verlegt. In der Mitarbeiterzeitung “Opel-Post“ präsentierte Unternehmenschef Karl-Friedrich Stracke sein Ziel, 2016 einen Milliardengewinn bei einer Umsatzrendite von 5 Prozent und einem Marktanteil von 8,5 Prozent in Europa zu erreichen.

Das klingt eher nach Kaffeesatzleserei denn als glaubhafte Zielvorgabe. Zumal alle Gewinn- und Absatzbestrebungen aus dem erst 2010 verabschiedeten Sanierungsplan inzwischen von der Realität am Markt eingeholt wurden. Noch im Juli war für 2012 ein Gewinn “deutlich dreistelliger Millionenhöhe“ vorhergesagt worden.

Entlassungen bis 2014 verboten

Fraglich ist, ob GM Opel überhaupt so viel Zeit lässt, wieder in die Spur zu kommen. Denn die Amerikaner dulden eigentlich keine roten Zahlen. Sie wollen endlich auch von ihrer Europatochter Gewinne sehen. GM-Strategiechef Stephen Girsky, der den Vorsitz im Opel- Aufsichtsrat übernehmen wird, hat klipp und klar betont: Opel muss die Kosten senken und die Gewinnmargen verbessern.

Damit steht fest: Schäfer-Klug wird sich in den Verhandlungen mit dem Management um Wege zur Kostensenkung streiten und dabei Verhandlungsgeschick und Stärke beweisen müssen. Zwar verbietet der Sanierungsvertrag Entlassungen bis Ende 2014. Doch diese Zusage soll an Bedingungen wie Geschäftsentwicklung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen geknüpft sein.

Und dass die Bedingungen derzeit auf Opels einzig wichtigem Markt Westeuropa angesichts der Staatsschuldenkrise und dem schwachen Wachstum in Ländern wie Spanien und Italien mies sind, betont Stracke seit Wochen. Damit scheint mal wieder nichts ausgeschlossen bei Opel.

Es ist also denkbar, dass SPD-Mitglied Schäfer-Klug schon bald auch als mitreißender Wortführer der Arbeitnehmer Neuland betreten muss. Er sei zwar “stark in der Analyse“, aber introvertiert und rede eher intellektuell, heißt es in Rüsselsheim. Franz ist dennoch zuversichtlich, dass die IG Metall den geeigneten Nachfolger gefunden hat: “Er wird das anders machen als ich, aber das hat auch seinen Charme.“

dpa

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