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Zentralbank gibt einen Warnschuss

- Frankfurt - Die Empörung schlägt seit Wochen hohe Wellen. Die Euro-Finanzminister und die Gewerkschaften haben die Europäische Zentralbank (EZB) vor der ersten Zinserhöhung seit fünf Jahren gewarnt. Die Gewerkschaften sprachen gar von einer "Katastrophe für die Wirtschaft". Ungeachtet des politischen Getöses und der Anrufe erboster Staatschefs hat die EZB die Zinsen nun leicht auf 2,25 Prozent erhöht und damit ihre Unabhängigkeit demonstriert. Aus ökonomischer Sicht ist die Zinsanhebung notwendig und gerechtfertigt.

"Das ganze Gerede ist Unsinn", sagt der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater. Die Euro-Finanzminister unter Führung von Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker wollten die Notenbank einfach für ihre eigene verfehlte Haushaltspolitik zum Sündenbock stempeln. "Die Zinserhöhung wird der Wirtschaft in keinster Weise das Genick brechen und den Aufschwung nicht abwürgen." Die Konjunktur im Euro-Raum ist im Sommer angesprungen und mit 0,6 Prozent gewachsen. Alles deutet darauf hin, dass sich die Erholung 2006 weiter beschleunigen wird.

Die Euro-Wirtschaft brauche daher kein historisch niedriges Zinsniveau mehr, das der Wirtschaft starke Impulse gibt. "Die Zinsen von 2,0 Prozent waren Notstandszinsen", sagt der Chefvolkswirt Europa der Bank of America, Holger Schmieding. "Sie wären vielleicht einer Rezession angemessen."

Die Geldpolitik nimmt also lediglich ihre Unterstützung für die Konjunktur etwas zurück. Nach einhelliger Meinung der Volkswirte kann die deutsche Wirtschaft mit Zinsen bis zu drei Prozent vernünftig leben. Erst wenn sie über längere Zeit drastisch stiegen, werde es kritisch. Damit ist aber nicht zu rechnen: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat klar gemacht, dass die Notenbank keinen Zinserhöhungszyklus wie in den USA beginnt, wo die Zinsen bereits seit 18 Monaten in kleinen Schritten von 1,0 auf 4,0 Prozent klettern.

Von der EZB wird gerade mal eine "Mini-Zinswende" mit einer Anhebung auf bis zu 2,75 Prozent Zinsen im nächsten Jahr erwartet. Dies läge nach wie vor unter dem neutralen Zinssatz, der einem normalen Wachstum angemessen ist. "Die EZB nimmt den Fuß vom Gas, ohne voll auf die Bremse zu treten", meint der Europa-Chefvolkswirt von Morgan Stanley, Joachim Fels.

Ein wichtiges Argument für die EZB ist die Teuerung. Die umlaufende Geldmenge klettert seit Monaten von Höchststand zu Höchststand. Die Rekord-Ölpreise werden die Inflation in diesem Jahr über der wichtigen Zwei-Prozent-Marke halten, und die 2007 geplante Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland verstärkt das Risiko.

Die größte Furcht der EZB ist, dass bei den anstehenden Tarifverhandlungen die Löhne wegen der dauerhaft hohen Inflationsrate nach oben schnellen könnten. Dies würde eine Teuerungswelle auslösen. "Die Erhöhung ist ein Signal an die Tarifpartner, nicht zu übertreiben", sagt Fels. Bislang sind zwar keine solchen Zweitrundeneffekte zu sehen - doch dann wäre es auch schon zu spät. Denn eine Zinsanhebung wirkt erst mit zeitlicher Verzögerung von eineinhalb bis zwei Jahren auf die Wirtschaft. "Vorbeugen ist besser als heilen", so Trichet lapidar.

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