Räumung am Hauptbahnhof - das war der Grund

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Zertifikate: Nur kaufen, was man auch versteht

München - Wer glaubt, Banken fehle es an Kreativität, der kennt die Welt der Zertifikate nicht. Denn kaum dominiert ein Thema die Nachrichten, das sich in eine Anlageidee ummünzen lässt, bringt mit Sicherheit ein Geldhaus das dazu passende Papier heraus.

Drei Beispiele:

-Im nächsten Jahr finden die Olympischen Spiele in Peking statt? Die WestLB bastelt ein Zertifikat namens "Bejing 2008 Select". Käufer können damit in zehn Aktien-Titel investieren, die von dem Sport-Spektakel besonders profitieren werden, wie es im Emissionsprospekt heißt.

-Der Computer-Hersteller Apple hat den Verkauf des iPhone gestartet? Die Deutsche-Bank-Tochter DWS Go wirft ein "iPhone TR Zertifikat" auf den Markt. Wer zugreift, werde am Erfolg des mutmaßlichen Superhandys teilhaben.

-Der Milchpreis steigt? Die Société Générale reagiert mit zwei "Openend Zertifikaten". Anleger, so heißt es, haben damit die Möglichkeit, am mittlerweile knappen "weißen Gold" zu verdienen.

Diese Produktideen belegen nicht nur, wie erfinderisch die Marketingmanager der Geldhäuser sind. Sie zeigen auch, wie weit sich der Zertifikate-Markt in Deutschland entwickelt hat. Fristete diese Wertpapier-Klasse noch vor zehn Jahren ein Schattendasein, lagern die Anleger neben Aktien, Fonds und Rentenpapieren heute immerhin schon Zertifikate im Wert von über 90 Milliarden Euro in ihren Depots, wie das Derivate Forum jüngst meldete. Künftig dürften es noch mehr werden: "Der Markt wird in den nächsten Jahren um jeweils rund 15 Prozent jährlich wachsen", sagt Silke Müller von der WGZ Bank in Düsseldorf.

Formal handelt es sich bei Zertifikaten um an Börsen gehandelte Schuldverschreibungen, die meist von Banken begeben werden. Das heißt, der Anleger leiht dem Institut Geld und erwirbt damit den Anspruch, dass er bei Laufzeitende einen gewissen Geldbetrag zurückbekommt. Die Höhe der Rückzahlung hängt davon ab, wie sich ein von der Emissionsbank festgelegter Basiswert entwickelt. Der wird aus dem Kurs einer Aktie oder einem Korb mehrerer Wertpapiere abgeleitet, kann aber auch an den Verlauf von Währungs- oder Rohstoffpreisen geknüpft sein.

Was technisch klingt, bringt in der Praxis Wundertüten für Investoren hervor. Denn die Banken können Vehikel zusammenbauen, mit denen die Anleger ihr Geld in die unterschiedlichsten Branchen und Märkte schieben können. Möglich ist alles: iPhone oder Olympia, Milch oder Sojabohnen, das Wirtschaftswachstum in Vietnam oder Kasachstan. "Für Private eröffnet sich ein völlig neues Universum", sagt der geschäftsführende Vorstand des Deutschen Derivate Instituts in Frankfurt, Dieter Lendle. Doch es muss nicht zwangsläufig exotisch zugehen; auch konservative Investitionen beispielsweise in den Deutschen Aktienindex (Dax) sind möglich.

Interessant an Zertifikaten ist aber nicht nur ihre thematische Breite, die weit über die von Aktienfonds hinausgeht. Es gibt zudem Spielarten, die nicht nur an Wert gewinnen, wenn der Basiswert steigt. Mit Bonuszertifikaten etwa können Anleger auch in seitwärts tendierenden Kapitalmärkten gewinnen. Bei Garantiezertifikaten erhält der Anleger nach Laufzeitende auf jeden Fall einen vorher festgelegten Betrag zurück - auch wenn die Bezugsgröße an Wert eingebüßt hat. Neben Spekulanten können also auch risikoscheue Anleger auf ihre Kosten kommen.

Doch die schöne neue Anlagewelt ist nicht frei von Fallgruben. "Viele Zertifikate-Konstruktionen sind selbst für Profis kaum zu durchschauen", sagt Michael Huber vom Vermögenszentrum München. Chancen und Risiken sind somit nur schwer abzuschätzen. Zumal Zertifikate anders als Investmentfonds in der Regel nicht aktiv verwaltet werden. Wenn sich ein Produkt also schlecht entwickelt, schichtet kein Fondsmanager um. Gerade für unkundige Anleger kann das zum Problem werden.

Ein weiterer Minuspunkt: hohe Kosten. Unabhängige Finanzberater bemängeln oft, dass gerade der Kapitalschutz bei den begehrten Garantiezertifikaten zu teuer kommt. Sie empfehlen, besser gleich auf festverzinsliche Anlagen zu setzen, bei denen das Kapital auch sicher geparkt ist. Darüber hinaus stehen mit komplizierten Konditionen kaschierte Gebühren in der Kritik. Markus Straub, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, sagt: "Für Banken ist der Zertifikatemarkt eine Spielwiese, auf der sie Millionen abzocken können."

Ein differenzierter Blick kann sich trotzdem lohnen. So hält der Vorstand des Münchner Instituts für Vermögensaufbau, Andreas Beck, sorgfältig ausgewählte Index-, Bonus- oder Discountzertifikate als Beimischung in einem Kleinanleger-Depot für keine schlechte Wahl. Sein Ratschlag beim Erwerb solcher Produkte: "Leute, die nach dem Lesen des Prospekts nicht verstehen, wie das jeweilige Zertifikat funktioniert, sollten die Finger davon lassen."

Zertifikate-Knowhow für Einsteiger

Diese Zertifikate gibt es: Neben den hier vorgestellten Index-, Discount-, Bonus-, Garantie- und Strategiezertifikaten gibt es eine Reihe von anderen Spielarten wie Express- oder Outperformance-Papieren. Sie werden hier aber nicht näher beschrieben, weil sie für Kleinanleger nur bedingt in Frage kommen. Vorsicht: Nicht immer taucht der Begriff Zertifikat in der Produktbezeichnung auf.

Wo es Zertifikate zu kaufen gibt: Anleger können Zertifikate bei der Erstausgabe (Emission) zeichnen oder sie greifen danach über die Börse zu. In beiden Fällen können sie sich an ihre Bank oder Sparkasse wenden oder im Internet selbst tätig werden. Beim Erwerb müssen sie die ISIN-Nummer und die gewünschte Stückzahl angeben. Neben Order- und Depotgebühren fällt oft ein "Spread" an, die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs.

Einen Überblick verschaffen: Wer die Zertifikatewelt erforschen will, kommt angesichts der Vielzahl von Angeboten um das Internet nicht herum. Experten empfehlen Webseiten wie www.onvista.de, www.comdirect.de oder www.zertifikateboerse.de, um sich einen Überblick über die Papiere zu verschaffen.

Absicherung im Pleitefall: Anders als bei Fonds wird das in Zertifikate investierte Kapital nicht als Sondervermögen behandelt. Geht die Emissionsbank pleite, wird der Anleger zum Gläubiger - mit wenig Aussicht auf Rückerhalt seiner Mittel. Die Gefahr eines Totalverlusts ist also gegeben, aber nicht unbedingt hoch: "Da es sich bei den Anbietern meist um Banken mit Weltruf handelt, ist das Ausfallrisiko gering",berichtet die Stiftung Warentest.

Steuerliche Behandlung: Bislang wurden steuerlich zwei Zertifikate-Gruppen unterschieden. Bei Garantieprodukten waren Kursgewinne unabhängig von der Haltedauer einkommenssteuerpflichtig. Bei den anderen Klassen griff der Fiskus nur während der zwölfmonatigen Spekulationsfrist zu. Mit Einführung der 25-prozentigen Abgeltungssteuer ab 2009 werden alle Zertifikate gleich behandelt. Garantiezertifikate gewinnen an Attraktivität, wenn der persönliche Steuersatz deutlich über 25 Prozent liegt.

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