Zinsen: Warum die EZB andere Wege geht

Frankfurt/Washington - Nach der überraschend radikalen Zinssenkung in den USA wird auch der Ruf nach niedrigeren Zinsen in Europa lauter. Die Talfahrt an den Börsen hat die Sorge um die Stabilität des Finanzsystems und die Konjunktur im Euro-Raum wachsen lassen.

Bislang sieht sich die Europäische Zentralbank (EZB) als Fels in der Brandung und geht andere Wege als die US-Notenbank Fed, die in dieser Woche den Leitzins von derzeit 3,5 Prozent erneut senken könnte. Man lasse sich nicht von der Panik an den Börsen treiben, verlautet aus EZB-Kreisen. Doch die 15 Euro-Länder werden sich wirtschaftlich nicht von den USA und der dort drohenden Rezession abkoppeln können. Die meisten Ökonomen erwarten inzwischen, dass im Frühjahr auch im Euro-Raum die Zinsen sinken werden.

"Die EZB steht unter Zugzwang", sagt Manfred Jäger vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). "Sie ist aber nicht so aktivistisch und finanzmarktorientiert wie die US-Fed." Die amerikanische Notenbank muss derzeit viel Schelte einstecken: Nach dem Terror vom 11. September 2001 bekämpfte sie mit der Politik des billigen Geldes die drohende Rezession - und beschwor so nach Ansicht mancher Beobachter die Immobilienblase herauf. Die europäischen Währungshüter agierten damals wie heute mit mehr Besonnenheit. Während die Fed die Zinsen bis auf 1,0 Prozent senkte, blieb die EZB bei 2,0 Prozent.

Tatsächlich ist die EZB - in der Tradition der Bundesbank - vor allem der Geldwertstabilität verpflichtet. Zinssenkungen für einen kurzfristigen Wachstumsimpuls sind - anders als in den USA - dagegen verpönt. Als wichtigste Aufgabe sieht es die EZB, die Inflationsrate knapp unter zwei Prozent zu halten. Die Notenbank wolle die Inflationserwartungen verankern, um die unbeständigen Märkte zu beruhigen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und bezog klar Position gegen ein schnelles Handeln.

Dabei steht die Notenbank durchaus vor einem Dilemma. Weltweit fallen die Wachstumsraten, während gleichzeitig die Verbraucherpreise wegen der Verteuerung bei Energie und Rohstoffen steigen. Ob die Preise als Folge der Konjunkturabschwächung wie sonst üblich tatsächlich sinken werden, gilt diesmal als fraglich. Denn die Nachfrage aus den boomenden Schwellenländern ist einfach zu hoch. Dann könnte der Trend in Richtung einer Stagflation (wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitig hoher Inflation) gehen. Allerdings sehen die meisten Ökonomen diese dunklen Wolken nicht am Horizont aufziehen. Bislang, so die mehrheitliche Einschätzung, noch zu wenig zwingende Gründe für eine Zinssenkung: Die Stimmung in der Wirtschaft ist weiterhin gut, es ist keine Kreditklemme in Sicht.

Anders die Lage für Trichets US-Kollegen Ben Bernanke: Während ihm die einen vorwerfen, der überraschende Zinsschritt der vergangenen Woche sei nicht rasch und tiefgreifend genug gewesen, sprechen andere von einer dramatischen Panikreaktion, die allein dem plötzlichen Absturz an den Börsen geschuldet sei. So oder so - derzeit halten es viele Finanzfachleute für gut möglich, dass der US-Leitzins am Jahresende zwischen 2 und 2,25 Prozent liegt.

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