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Eine Installation mit dem Euro-Zeichen steht vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.

EZB vor Zinswende: Harte Zeiten für Schuldensünder

Frankfurt/Main - Europas Währungshüter stehen vor einer unbequemen Entscheidung. Sie müssen den Leitzins anheben, um den Preisdruck zu senken. Für den Wachstumsmotor Deutschland ist der Schritt überfällig.

Die Zeit des extrem billigen Geldes in Europa ist bald vorbei. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird an diesem Donnerstag (7.4.) voraussichtlich die Zinswende einläuten. Das haben Ratsmitglieder in seltener Einmütigkeit in Aussicht gestellt. “Ich wäre weder überrascht noch unglücklich, wenn der Rat eine vorsichtige Zinserhöhung beschließen würde“, sagte etwa der belgische Notenbank-Präsident Guy Quaden.

Volkswirte sind trotz Libyen-Krieg, Japan-Krise und hoher Staatsverschuldung überzeugt: Der Leitzins wird auf 1,25 Prozent steigen, um Inflationsgefahren einzudämmen. Damit würden die Währungshüter die Zügel wieder anziehen, die sie im Mai 2009 als Antwort auf die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise gelockert hatten. Seitdem verharrt der Zins auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent.

Die Schuldensünder der Euro-Länder im Ranking

Die Schuldensünder der Euro-Länder im Ranking

Schon im März hatte Europas oberster Währungshüter Jean-Claude Trichet die Märkte auf die Zinswende eingestellt und ungewohnt deutlich erklärt: “Eine Zinserhöhung bei unserer nächsten Sitzung ist möglich.“ Die Preisstabilität zum Schutz aller Europäer gehe vor - auch wenn die Konjunktur in Euro-Ländern wie Griechenland, Spanien oder Irland wegen rigider Sparprogramme schon jetzt nicht in Fahrt kommt.

Doch darauf kann und will die EZB keine Rücksicht nehmen. Sie nimmt auch höhere Zinskosten für die Länder in Kauf, die schon jetzt unter ihrer enormen Schuldenlast ächzen und sich wie Portugal kaum noch am Finanzmarkt finanzieren können. Immer wieder hatte Trichet die Regierungen gemahnt, ihre Hausaufgaben zu erledigen und die Staatshaushalte in Ordnung zu bringen. Damit will die Notenbank auch ihre Unabhängigkeit unter Beweis stellen - an der immer wieder gezweifelt wird, seit die EZB Staatsanleihen klammer Euroländer aufkauft.

Doch die Inflation steigt seit Monaten unaufhörlich - angetrieben von explodierenden Preise für Energie und Nahrungsmittel. Die Notenbanker müssen gegensteuern, um ihr Stabilitätsziel nicht aus den Augen zu verlieren. Im März lag die Jahresteuerung im Euro-Raum bei 2,6 Prozent und damit klar über der EZB-Warnschwelle von knapp zwei Prozent.

Eine Milliarde - wieviel ist das?

Eine Milliarde - wieviel ist das?

Für Europas Konjunkturlokomotive Deutschland ist der Schritt zu höhren Zinsen längst überfällig - damit nicht erneut spekulative Blasen entstehen. Denn höhere Zinsen verteuern Kredite sowie Geldgeschäfte unter den Banken.

Für Länder, in denen die Wirtschaft nicht in Schwung kommt, sind höhere Zinsen allerdings Gift. Banken sind seit der Finanzkrise ohnehin extrem vorsichtig bei der Kreditvergabe. Dabei sind Unternehmen auf günstiges Geld angewiesen, um die Konjunktur anzutreiben. Zudem schwelt die Staatsschuldenkrise im Euro-Raum noch immer - sie könnte sich jederzeit zu einem Flächenbrand ausweiten.

Deshalb gibt es durchaus Ökonomen wie Jacques Cailloux von der Royal Bank of Scotland, die vor dem verfrühten Drehen an der Zinsschraube warnen: “Ich werde eine Zinserhöhung so lange nicht befürworten, bis meine Meinung widerlegt ist, dass die Situation in der Euro-Peripherie noch lange nicht geklärt ist und dass Länder wie Spanien unter einem neuerlichen Vertrauensverlust leiden werden.“

Dabei ist keineswegs ausgemacht, dass höhere Zinsen den großen Schuldensündern tatsächlich schaden, glaubt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank: “Für die Peripherie-Länder ist die Unterstützung ihrer angeschlagenen Banken wichtiger als rekordniedrige Zinsen.“

Eine Zinserhöhung würde die Inflationsgefahren bannen und der EZB damit den Spielraum geben, bei der Liquiditätsversorgung für Banken etwa in Irland großzügig zu sein, sagt Schmieding: “Der EZB-Ansatz, der Eurozone insgesamt höhere Zinsen zu verschreiben, und gleichzeitig die paar wenigen Banken zu unterstützen, die noch in großen Schwierigkeiten stecken, ist eine vernünftige Balance für die unterschiedlichen Bedürfnisse im Euroraum.“

Auch die Atomkatastrophe in Japan wird die Geldpolitik nicht aufhalten, ist Marco Valli, Unicredit-Chefvolkswirt für die Eurozone, überzeugt: “Die jüngsten dramatische Ereignisse in Japan haben die Haltung der EZB nicht verändert.“ Dazu gebe es auch keinen Anlass, denn die Spannungen am Finanzmarkt seien längst wieder auf das Nivau vor der Katastrophe in Japan gefallen. Die Unicredit rechnet wie andere Häuser auch damit, dass ist EZB den Leitzins in den kommenden Monaten in weiteren Trippelschritten zunächst auf 2,0 Prozent anheben wird.

Von Harald Schmidt und Jörn Bender

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