Carsten Mumm, Porträt
+
Carsten Mumm ist Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel

Merkur-Interview

Inflationsrate strebt Richtung 4 Prozent: Chefvolkswirt enttäuscht Sparer - „Zinswende kommt noch lange nicht“

  • Corinna Maier
    VonCorinna Maier
    schließen

Inflation: Lange lag der Wert in Deutschland sehr niedrig, allmählich zieht die Teuerungsrate deutlich an. Grund zur Sorge? Fragen an Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel.

Die Teuerungsrate im Euroraum hat sich bei über zwei Prozent festgesetzt. In Deutschland waren es zuletzt sogar 3,8 Prozent. Wie geht es weiter?

Wir rechnen für die kommenden Monate mit anhaltend hohen Teuerungsraten. In Deutschland kann es sein, dass wir die vier Prozent übersteigen, im Euroraum könnte es auf die drei Prozent zulaufen.

Was sind die Gründe?

Da gibt es mehrere. Zum einen temporäre Gründe, zum anderen welche, die längerfristig wirken.

Was sind die vorübergehenden Faktoren?

In Deutschland ist das vor allem die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer, die im Juli 2020 im Zuge der Corona-Maßnahmen gesenkt worden war. Allein das hat im Juli für einen Inflationssprung um ein bis eineinhalb Prozent gesorgt. Dieser technische Effekt wird uns noch bis Jahresende begleiten. Ein anderer vorübergehender Effekt ist die Einführung der CO2-Abgabe. Dazu kommt der sogenannte Energiepreis-Basiseffekt, der dadurch entsteht, dass etwa der Rohölpreis, ebenfalls wegen Corona, im Vorjahr auf einem Rekordtief lag. Das führte vor allem in diesem Frühjahr zu einem Teuerungsschub.

Chefvolkswirt Carsten Mumm: „Ich glaube nicht, dass wir das niedrige Inflationsniveau von vor der Corona-Krise wieder zurückbekommen“

Und die nachhaltigen Faktoren?

Durch die Corona-Krise wurde der Wirtschaft vor Augen geführt, welche Probleme durch die Just-in-Time-Fertigung entstehen können. Wenn nur ein kleines Bauteil fehlt, weil Lieferketten zusammenbrechen, muss womöglich eine ganze Produktion stillgelegt werden. Aus diesem Grund werden gerade Lieferketten umgebaut, Unternehmen verlassen sich nicht mehr nur auf einen Lieferanten, sondern suchen sich mehrere in verschiedenen Regionen, einen möglicherweise sogar in Europa. Das ist natürlich teurer, als wenn man nur einen chinesischen Lieferanten hat. Ein weiterer langfristiger Faktor ist der Klimaschutz. Die Unternehmen müssen, um zum Beispiel ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren und Umweltschutzauflagen zu erfüllen, Investitionen tätigen. Wir haben momentan massive Lieferschwierigkeiten bei verschiedenen Rohstoffen und Vorleistungen, außerdem extreme Engpässe bei Transportkapazitäten. Auch das sind Effekte, die sich durchaus halten könnten. Durch die Klimawende brauchen wir eine Reihe von ganz bestimmten Rohstoffen, zum Beispiel für die Batteriefertigung oder für Solarzellen. In diesen Bereichen werden die Preise hoch bleiben. Auf politischer Seite kommt dazu, dass es vielerorts, selbst in den USA, das Anliegen gibt, dass die Löhne bei mittleren und unteren Einkommen stärker steigen müssen als in den vergangenen zehn Jahren. Das ist volkswirtschaftlich gesehen nicht verkehrt, denn das erhöht den Konsum. Es erhöht aber auch den inflationären Druck.

Alles gegeneinander abgewogen, Ihr Fazit?

Ich glaube nicht, dass wir das niedrige Inflationsniveau von vor der Corona-Krise wieder zurückbekommen. Es gibt ja auch noch das Thema Geopolitik, das derzeit gern in den Hintergrund gerückt wird. Dabei hat sich im Verhältnis zwischen China und den USA unter der Biden-Regierung rein gar nichts verändert. Der Handelskonflikt bleibt und mit ihm Handelshemmnisse und Zölle, die ebenfalls nachhaltig preistreibend wirken.

Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent wird derzeit jedenfalls klar übertroffen. Wird die Zentralbank bald etwas unternehmen?

Das glaube ich nicht. Zumindest in Europa wird das noch sehr lange dauern. Die aktuellen 2,2 Prozent in der Eurozone stellen noch keinen wirklichen Inflationsdruck dar und die EZB geht davon aus, dass die preistreibenden Faktoren temporärer Natur sind. Deshalb bleibt sie ganz entspannt. Wesentlicher Maßstab für die EZB sind die eigenen Inflationsprojektionen, also die Erwartung. Und die liegt im Jahr 2023 bei einer Inflationsrate von 1,4 Prozent – weit vom Ziel entfernt. Solange das der Fall ist, wird die EZB expansiv bleiben. Das bedeutet, dass in den kommenden ein, zwei Jahren ein Ende der ultralockeren Geldpolitik nicht in Sicht ist, eine Zinswende schon gar nicht.

Wenn die Zinswende käme, was hätte das für Folgen für hoch verschuldete Euroländer wie Italien?

Gravierende. Und die EZB weiß das natürlich. Sie weiß auch, wie empfindlich die Märkte auf jeden Hinweis auf ein eventuelles Auslaufen der expansiven Geldpolitik reagieren. Das Wissen um die enge Verflechtung von Geldpolitik und Fiskalpolitik kann man deshalb auch noch bei den langfristig inflationstreibenden Faktoren dazuzählen. Wenn die EZB weniger Wertpapiere und Staatsanleihen aufkauft, würde das die Zinsen nach oben hieven.

Mumm: „Dass Staaten wieder an den Rand der Pleite geraten, will die EZB natürlich vermeiden“

Könnte eine Zinswende die nächste Eurokrise auslösen?

Ja, durchaus, zumal die Staatsschulden durch die Corona-Krise ja noch weiter gewachsen sind. Dass Staaten wieder an den Rand der Pleite geraten, will die EZB natürlich vermeiden.

Auch auf den Aktien- und Immobilienmärkten könnte es im Fall einer raschen Zinswende zu Problemen kommen.

Ja, absolut. Alle Anlageklassen sind von der jahrelangen Null- und Negativzinszeit betroffen. Eine Zinswende muss daher sehr, sehr langsam vor sich gehen – und mit sehr vorsichtiger und sehr frühzeitiger Ankündigung.

Der normale Bürger fühlt sich in der Zwickmühle. Einerseits spürt er den realen Preisanstieg im Supermarkt oder an Tankstellen, andererseits bekommt er für seine Geldanlage keine Zinsen und höheren Lohn gibt es bisher auch nicht. Was kann ihn in dieser Konstellation trösten?

Da gibt es nur eine Strategie. Man muss seine Kapitalanlage, vor allem wenn sie langfristig zur Altersvorsorge gedacht ist, umstellen. Verzinsliche Anlagen sind real, also nach Abzug der Inflation, fast durch die Bank negativ verzinst. Stattdessen muss man auf Sachwerte wie Aktien und Immobilien setzen. Da sind die Preise zwar auch gestiegen, aber nur in diesen Bereichen gibt es überhaupt die Möglichkeit, sein Realkapital zu erhalten.

Beim Einkauf im Supermarkt oder an der Tankstelle spüren Verbraucher den Preisauftrieb mittlerweile deutlich. Schuld ist nicht nur die wieder erhöhte Mehrwertsteuer, sondern auch längerfristig wirksame Faktoren.

Gibt es am Aktienmarkt denn nicht schon Anzeichen für eine Blasenbildung?

Natürlich sind die Aktienkurse von den niedrigen Zinsen befeuert. Wenn die Zinsen deutlich steigen, gibt es wieder Anlagealternativen und man müsste die Aktienkurse hinterfragen. Aber: Die Kurse sind nicht nur zinsgetrieben. Sie steigen auch deshalb, weil wir gerade einen ungewöhnlichen wirtschaftlichen Aufschwung erleben und weil die Unternehmen mehrheitlich mit guten Bilanzen überraschen. Die Industrie brummt, der Konsum ist wieder angesprungen und Unternehmen sind in der Lage, die steigenden Produktionskosten an die Endverbraucher durchzureichen. Womit wir wieder beim Thema Inflation wären.

Können wir die Corona-Krise wirtschaftlich schon abhaken?

Die akute Phase ist überwunden. Aber das Thema können wir noch nicht ad acta legen. Wir sehen momentan wieder überall steigende Fallzahlen. Einen extremen wirtschaftlichen Einbruch wie im vergangenen Jahr wird es zwar nicht geben, aber vor allem im Winterhalbjahr kann es zu weiteren Corona-Belastungen kommen.

Die Gesellschaft und auch eine ganze Generation von Notenbanken ist an Inflation nicht mehr gewöhnt. Ist die jetzt wieder steigende Rate auch ein psychologisches Problem?

Zum Teil sicher. Die Inflationssensitivität ist eine sehr persönliche Sache. Das hat gerade auch eine Studie ergeben. Wie man dazu steht, hängt von den eigenen Erfahrungen ab. Ich persönlich habe bewusst auch nur Zeiten sehr niedriger und sinkender Inflationsraten erlebt. Aber meine Generation kennt natürlich auch die warnenden Beispiele aus der Geschichte, etwa die Zeiten der Hyperinflation zwischen den Weltkriegen.

Mumm: „Rein volkswirtschaftlich betrachtet, kann man mit etwas höheren Inflationszahlen sehr gut leben, vorausgesetzt, das Wachstum stimmt“

Wird Inflation überbewertet?

Rein volkswirtschaftlich betrachtet, kann man mit etwas höheren Inflationszahlen sehr gut leben, vorausgesetzt, das Wachstum stimmt. Eine hohe Inflation bedeutet ja auch, dass die Nachfrage hoch ist, die Auftragsbücher voll und die Unternehmen in der Lage, höhere Preise durchzusetzen. Normalerweise geht das einher mit steigenden Löhnen, das lässt den Konsum und die Steuereinnahmen steigen. Eine moderate Inflation ist nichts schlechtes. Aus dem Grund ist ja auch das Inflationsziel der EZB zwei Prozent und nicht null. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Inflationsrate in den kommenden Jahren über ein gesundes Niveau hinaus ansteigen könnte und die Zinsen dann doch abrupt angehoben werden müssten.

Interview: Corinna Maier

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare