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Milchbäuerinnen liegen vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Die Protestteilnehmerinnen waren der niedrigen Milchpreise wegen symbolisch in Ohnmacht gefallen.

Bäuerinnen im Hungerstreik vor dem Kanzleramt

Berlin - Die niedrigen Milchpreise treiben Bauern in den Ruin. Um auf ihre Notlage aufmerksam zu machen, belagern 250 Bäuerinnen das Kanzleramt in Berlin. Sechs von ihnen sind in den Hungerstreik getreten.

Nur die Sprinkleranlage musste Stefanie Butscher noch in den Griff bekommen. In der ersten Nacht neben dem Kanzleramt schossen auf einmal Wasserfontänen aus dem Grasboden und bereiteten der 36-jährigen Landwirtin und 250 weiteren Bäuerinnen ein feuchtes Erwachen. Seit fünf Tagen haben die Frauen ihr Lager im Berliner Regierungsviertel aufgeschlagen, um ihren Forderungen nach höheren Milchpreisen Nachdruck zu verleihen.

Milchbäuerin Lucia Egner aus Obersöchering (Kreis Weilheim-Schongau) im Hungerstreik.

Nachdem Stefanie Butscher in Verhandlungen mit dem Ordnungsamt die Bewässerungsanlagen zähmen konnte, nimmt sie sich nun die Kanzlerin vor. „Wir verlangen, dass Angela Merkel einen europäischen Milchkrisengipfel einberuft, um den freien Fall der Preise zu stoppen“, so die Sprecherin der Gruppe. „Mit einem Liter-Preis zwischen 17 und 23 Cent können wir nicht wirtschaften. Eigentlich müssten wir dem Molkereiwagen noch Geld mitgeben, wenn er kommt“, klagt Elisabeth Böse aus Niedersachsen. Nur mit einem Milchpreis von mindestens 40 Cent pro Liter könnten die Höfe überleben. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Christine Schneebichler aus dem bayerischen Neubeuern mit Tränen in den Augen.

Der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, Romuald Schaber, befürchtet, dass bis zum Ende des Jahres jeder dritte Betrieb vor der Schließung steht, das wären bis zu 30000 Höfe in Deutschland.

Da die Proteste der Landwirte bisher keinen Erfolg gezeigt haben, greifen einige Bauersfrauen nun zu radikaleren Methoden: Seit Mittwoch befinden sich sechs Frauen im Hungerstreik. „Ich werde nichts mehr essen, bis sich Angela Merkel uns stellt“, sagt Gertraud Riepertinger, die im oberbayerischen Frasdorf einen Bauernhof mit 25 Kühen bewirtschaftet. Tag und Nacht harren die Frauen nun in dem Park neben dem Bundeskanzleramt aus.

Von weitem erinnert die Szene an einen Campingplatz: Decken sind ausgebreitet, Planen aufgeschlagen, die Frauen sitzen bei Tee und Kaffee auf Plastikstühlen zusammen. Zwischen ihren Matratzen haben die Bäuerinnen Transparente gespannt, die nicht weniger als die „Vereinigung der Bäuerinnen Europas“ fordern. Die Berliner Polizei hat den Dauerdemonstranten strenge Auflagen erteilt: Am ersten Tag drohten die Beamten, das Gelände vor dem Kanzleramt zu räumen. So zogen die Frauen in einen nahen Park, wo sie seither unter freiem Himmel übernachten. „Nachts ist es schon unangenehm kalt“, klagt Sabine Holzmann aus Landshut. Fürs Wochenende ist Regen vorhergesagt. Doch von den widrigen Umständen lassen sich die Bäuerinnen nicht abschrecken. „Es geht schließlich um unsere Existenz. Alle Bauernhöfe sind bedroht – egal wie groß sie sind“, sagt Bäuerin Lucia Eigner, die einen Familienbetrieb in Obersöchering im Landkreis Weilheim hat.

Die Kanzlerin ließ sich bisher nicht blicken, auch wenn sie nur ein paar Schritte zu Fuß hätte. Bundeskanzlerin Offenbar plant Merkel auch kein Treffen mit den Milchbäuerinnen im Hungerstreik. Ein persönliches Gespräch mit der Kanzlerin “ist nicht absehbar“, sagte ein Regierungssprecher am Donnerstag.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer besuchte am Nachmittag die Frauen. Seehofer versprach den Bäuerinnen, er werde sich dafür einsetzen, dass sie einen “anständigen Preis“ für ihre Milch bekommen. Den Supermarktketten warf der CSU-Vorsitzende vor, sie hätten sich nicht an ihr Versprechen vom Milchgipfel im vergangenen Jahr gehalten, für faire Preise zu sorgen. Seehofer forderte auch, in der EU müsse die Milchmenge gesenkt werden.

Auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner ( CSU ) kam vorbei, stellte Kreditprogramme und Subventionen in Aussicht . Doch damit geben sich die Bäuerinnen nicht zufrieden. „Wir wollen, dass die Milchpreise Chefsache werden“, fordert Claudia Mann aus Ilschhausen in Hessen.

Jeden Tag ziehen die Frauen nun für mehrere Stunden unmittelbar vor das Kanzleramt. „Wir haben schon einen kollektiven Ohnmachtsanfall hingelegt als Zeichen dafür, dass wir am Ende sind“, sagt Lucia Eigner. Wenn auch nicht von der Bundeskanzlerin, so erfahren die Bauersfrauen zumindest von der Berliner Bevölkerung und den Touristen viel Sympathie. Bäuerin Johanna Böse-Hartje aus Thedingshausen in Niedersachsen ist überwältigt von der Anteilnahme: „Uns wurden schon Nachtquartiere, Duschen und Essen angeboten.“

Von Sebastian Jannasch/ap

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