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Zugunglück bei Garmisch: Eisenbahn-Experte kritisiert Deutsche Bahn aufs schärfste - „Ein Skandal“

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Von: Lisa Mayerhofer

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Zahlreiche Einsatz- und Rettungskräfte sind nach einem schweren Zugunglück in Burgrain im Einsatz
Zahlreiche Einsatz- und Rettungskräfte sind nach dem schweren Zugunglück in Burgrain bei Garmisch im Einsatz. © Josef Hornsteiner/dpa

Nach dem Zugunglück in Burgrain ermitteln die Behörden gegen drei Bahnmitarbeiter. Ein Experte führt das Unglück auf defekte Schienen zurück – und geht hart mit der Bahn ins Gericht.

Burgrain – Der vergangene Freitag war ein schwarzer Tag für Burgrain bei Garmisch-Partenkirchen: Ein Regionalzug entgleiste, drei Waggons stürzten um. Bei dem Zugunglück starben fünf Menschen, mehr als 40 wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt nun gegen drei Bahnmitarbeiter wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, wie eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde bestätigte. Nähere Angaben zu den Vorwürfen und der Grundlage des Verdachts machten die Ermittler zunächst nicht. Dafür sei es beim derzeitigen Ermittlungsstand noch zu früh, sagte ein Polizeisprecher.

Wie die Bild-Zeitung berichtete, handelt es sich bei den drei Verdächtigen um den Streckenverantwortlichen, den Lokführer und den Fahrdienstleiter. Der Fokus der Ermittlungen liegt dem Bericht zufolge auf dem Streckenverantwortlichen. Ermittlerkreise bestätigten der Nachrichtenagentur AFP den von der Zeitung benannten Kreis der Verdächtigen. Es sei aber nach wie vor ein Anfangsverdacht.

Experte nach Zugunglück bei Garmisch: „Die Deutsche Bahn ist zu gestrig und zu rückständig“

Markus Hecht, Professor für Eisenbahntechnik an der TU Berlin, hält dieses Vorgehen nach dem Zugunglück für falsch. Im Interview mit der Wirtschaftswoche geht der Experte mit der Bahn und den Behörden hart ins Gericht: „Es ist typisch, dass in Deutschland gleich nach den Leuten gesucht wird, die für Unfälle verantwortlich sein sollen. Man sucht den Verantwortlichen auf der untersten Ebene. So entsteht eine Kultur der Angst.“ 

Er fordert in dem Magazin: „Behörden und Deutsche Bahn sollten sich auf die Prozesse konzentrieren, die zu Fehlern führen, nicht auf die Menschen.“ Es müsse jetzt darum gehen, zu hinterfragen, welche Prozesse Unfälle verursachen können. „Dass man jetzt drei Mitarbeiter ins Visier nimmt und persönliche Verantwortliche sucht, ist ein Skandal“, so Hecht. „Die Deutsche Bahn ist zu gestrig, zu rückständig und zu intransparent.“

Zugunglück bei Garmisch: Gleisverwerfung als wahrscheinlichste Ursache

Als wahrscheinlichste Ursache für das Zugunglück bei Garmisch-Partenkirchen hält der Experte defekte Schienen – nämlich eine sogenannte Gleisverwerfung: „Die tritt nicht am führenden Fahrzeug auf und nur die ist in der Lage, Personen so zu beschleunigen, dass sie durch die Fenster geschleudert werden“, so Hecht gegenüber der Wirtschaftswoche. Ursache für eine Verwerfung sei zum Beispiel ein Instandhaltungsfehler am Gleis.

Laut Hecht ist ein großes Problem für die Sicherheit im Zugverkehr, dass sich Deutschland eine „völlig veraltete und uneinheitliche Signaltechnik“ leiste: „Wenn die ausfällt, muss sie der Lokführer oder ein Mensch in der Leitstelle manuell überbrücken. Die Unfallwahrscheinlichkeit steigt dann stark an.“ Der Experte fordert in dem Interview mit dem Magazin: „Deutschland braucht eine moderne Zugsicherungstechnik. Im Prinzip hat sich ganz Europa darauf verständigt.“ Das European Train Control System, kurz ETCS, würde menschliche Fehler reduzieren. Aber die Einführung von ETCS in Deutschland komme kaum voran. (lma/AFP)

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