Bei Zukäufen verzettelt: Warum Karstadt-Quelle die Notbremse zieht

- Düsseldorf - Als Karstadt-Quelle-Chef Christoph Achenbach im Juni den Chefsessel von Europas größtem Warenhaus- und Versandhandelskonzern übernahm, da trat er die schwierigste Aufgabe an, die im deutschen Einzelhandel zu vergeben ist. Hier fehlt es an fast allem, was im deutschen Einzelhandel Erfolg verspricht: einem starken Auslandsstandbein, einem Discount-Ableger oder einem Erfolgskonzept, wie es die Mode-Konkurrenten "Hennes + Mauritz" oder "Zara" perfektioniert haben.

<P>Mehr als 80 Prozent seines Umsatzes macht Karstadt-Quelle in Deutschland und ist auf Gedeih und Verderb dem Konsumklima ausgeliefert. Zudem ist der Konzern stark, wo die Einbußen am größten waren: im mittelpreisigen Geschäft mit Textilien und anderen Konsumgüter-Artikeln.</P><P>Allein in den vergangenen neun Monaten brach der Umsatz um 6,7 Prozent ein. Im dritten Quartal lag das Minus sogar bei 8,2 Prozent. Gleichzeitig rutschte der Konzern in die roten Zahlen. Verbraucher machten einen Bogen um die Einkaufspaläste in besten Innenstadtlagen. Auch die Versandtöchter Quelle und Neckermann büßten in den vergangenen Monaten an Zugkraft ein. Lange hatten die Versandhäuser dank ihres Billig-Images vom "Geiz-ist-geil"-Boom profitiert. Mit ihren Gewinnen stützten sie die Warenhäuser. Inzwischen ist der Reiz verflogen. Statt Versandkataloge zu wälzen, nutzen Preisbewusste lieber Rabattschlachten zum Billig-Einkauf. Nur in drei Feldern konnte der Konzern zuletzt noch glänzen: bei den Spezialversendern, den Auslandsversendern und im E-Commerce.</P><P>Auch eine lange Kette von Managementfehlern macht dem Handelsriesen zu schaffen. Achenbachs Vorgänger Wolfgang Urban verzettelte sich mit immer neuen Engagements. Karstadt betreibt Fitness-Center und Starbuck-Café´s, ist am Sportsender DSF beteiligt und bietet anderen Unternehmen Hilfen bei der Logistik oder der Bonitätsprüfung von Kunden an.</P><P>Der neue Konzernchef hat nun eine radikale Gesundschrumpfung verordnet. Künftig will Karstadt nur noch 89 große und umsatzstarke Warenhäuser betreiben, von 92 Geschäften mit weniger als 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche und 15 Problemfilialen will sich der Konzern trennen. Zum Verkauf stehen Fachmärkte wie Sinn-Leffers oder Runners Point.<BR>Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Prüfstand. Mehr als 20 000 Beschäftigte werden nach Gewerkschaftsangaben durch Personalabbau, Ausgliederungen oder Verkauf von der Radikalkur betroffen sein. Der vorgesehene Solidarpakt sieht Gehaltsverzicht des Managements vor, Urlaubsverzicht und weniger Sozialleistungen. Auch die Aktionäre sollen verzichten: Nach einem sanierungsbedingten Betriebsverlust von 1,3 Milliarden Euro wird keine Dividende ausgeschüttet.</P><P>"Die Schritte sind überfällig und unverzichtbar. Sie mögen kurzfristig zwar überaus schmerzhaft sein, eröffnen dem Konzern aber mittel- bis langfristig wieder eine gute Zukunftsperspektive", warb der Manager für sein Konzept. Die Gewerkschaft Verdi und der Betriebsrat widersprachen der Darstellung Achenbachs, die Belegschaft trage seinen Kurs mit. Sie sprachen von einer "von den Banken erzwungenen Kahlschlagspolitik gegen die Stimmen der Arbeitnehmer" und haben für heute um die Ladenöffnungszeiten Mitarbeiterversammlungen in allen 181 Karstadt-Häusern angesetzt.</P><P>Zweifel auch bei Analysten: Rolf Drees von Union Investment sagt: "Wenn Karstadt-Quelle das hinbekommt, dann nur so. Ob es gelingt, ist eine andere Frage."<BR></P>

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