Zuzahlung für 3000 Medikamente: Das müssen Sie wissen

Schlechte Nachricht für Kassenpatienten: Rund 3000 Medikamente sind seit 1. September nicht mehr von der Zuzahlung befreit. Welche Arzneimittel betroffen sind, und wie sich Mehrkosten dennoch vermeiden lassen – die wichtigsten Fragen und Antworten.

Chroniker kennen das Phänomen: Jahrelang haben sie in der Apotheke die gleiche Medikamenten-Packung bekommen. Plötzlich gibt es ein neues Produkt, das zwar den gleichen Wirkstoff hat, aber anders aussieht. Verantwortlich dafür ist der stärkere Wettbewerb zwischen den Pharmaherstellern. Ziel ist es, die Arzneiausgaben der Krankenkassen zu senken. Leidtragende sind allerdings oftmals die Versicherten, die den Überblick verlieren.

Welche Arzneimittel sind betroffen?

Die Zuzahlungsregeln gelten nur für Medikamente, die einem Festbetrag unterliegen. Das sind Arzneien, die nicht patentgeschützt sind und von denen eine Vielzahl von Präparaten mit vergleichbarer Wirkung und Qualität am Markt sind. Zuletzt lag die Zahl bei gut 30 000 Arzneien. Von der Zuzahlung befreit, sind seit 1. September laut Apothekerverband 5524 Produkte – das entspricht einem Anteil von 18 Prozent. Vor einem Monat waren es noch rund 8400. Die neue Zuzahlung gilt für Präparate aus allen Bereichen – vom Antibiotikum über Blutdrucksenker bis zu Rheuma-Tabletten.

Wie hoch ist die Zuzahlung?

Kassenpatienten müssen zehn Prozent des Apothekenpreises eines verschreibungspflichtigen Medikaments zuzahlen – die Untergrenze liegt bei fünf Euro, die Obergrenze bei zehn Euro. Kostet eine Packung weniger als fünf Euro, ist nur der tatsächliche Preis fällig. Die Zuzahlungen der Versicherten leiten die Apotheken an die Krankenkassen weiter. Im letzten Jahr waren dies immerhin 1,7 Milliarden Euro.

Wer muss zuzahlen?

Jeder volljährige, gesetzlich Versicherte. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind grundsätzlich befreit. Für Chroniker und Geringverdiener gelten Obergrenzen: Übersteigt die Zuzahlung im Lauf des Jahres die sogenannte Belastungsgrenze von zwei Prozent des Bruttoeinkommens (Chroniker ein Prozent), kann man sich komplett befreien lassen. Auch Hartz-IV-Empfänger müssen keine Zuzahlung leisten.

Warum sind wieder mehr Medikamente zuzahlungspflichtig?

Krankenkassen und Pharmaindustrie schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Es sei falsch, dass Generikahersteller durch Preisanhebungen für mehr Zuzahlungen durch Patienten verantwortlich seien, wettert der Branchenverband Pro Generika. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) verweist auf die gesetzlichen Regelungen: „Die Kassen haben kaum Handlungsspielraum“, betont ein GKV-Sprecher.

Ob ein Medikament zuzahlungspflichtig ist, hängt vom Preis ab. Den setzt der Hersteller fest. Liegt der Preis 30 Prozent unter dem Festbetrag der Kassen, wird die Zuzahlung aufgehoben. Damit werden Hersteller belohnt, die ein Präparat besonders günstig anbieten. Die Festbeträge werden in der Regel zweimal im Jahr überprüft. Dafür gibt es ein kompliziertes Verfahren. Zunächst werden die Arzneimittel in Gruppen zusammengefasst, dann die Höhe der Festbeträge für die Gruppe der Medikamente bestimmt. Zuletzt hat der GKV-Spitzenverband die Festbeträge für zahlreiche Medikamente gesenkt. Da die meisten Hersteller nicht im gleichen Umfang die Preise angepasst haben, fällt die Befreiung für viele Arzneien weg.

Sind bald alle Medikamente zuzahlungspflichtig?

Das ist extrem unwahrscheinlich. Die Hersteller können alle 14 Tage ihre Preise ändern. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Zahl der zuzahlungsfreien Präparate ständig schwankt. Mitte 2006 waren gerade mal 2100 Medikamente von der Zuzahlung befreit. Den bisherigen Höchststand mit knapp 13 000 Befreiungen gab es im Mai 2008.

Experten gehen davon aus, dass viele Pharmaunternehmen in den nächsten Wochen ihre Preise senken. Denn solange es einen günstigen Konkurrenten gibt, besteht die Gefahr, wichtige Marktanteile zu verlieren.

Wie kann ich Zuzahlungen vermeiden?

Jeder Versicherte kann seinen Arzt bitten, ein zuzahlungsfreies Medikament zu verschreiben. Ist es dafür bereits zu spät, sollte man den Apotheker fragen, ob es ein günstigeres, wirkungsgleiches Alternativ-Präparat von einem anderen Hersteller gibt. Auch die Krankenkassen helfen, Zuzahlungen zu vermeiden.

Lohnt es, die Krankenkasse zu wechseln?

Einige Krankenkassen haben Rabattverträge mit einzelnen Arzneimittelherstellern geschlossen. Für diese Präparate können die Kassen ihre Versicherten zur Hälfte oder komplett von der Zuzahlung befreien. Je nachdem, bei welcher Kasse ein Patient versichert ist, kann also die Zuzahlung für ein und dasselbe Medikament stark schwanken. Da sich die zuzahlungspflichtigen Präparate ständig ändern, ist fraglich, ob sich allein aus diesem Grund ein Kassenwechsel lohnt.

Wie finde ich zuzahlungsfreie Medikamente?

Eine ständig aktualisierte Liste bietet die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) im Internet unter www.aponet.de. Viele Krankenkassen informieren ebenfalls auf ihren Internetseiten über zuzahlungsfreie Medikamente.

Steffen Habit

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