Patrick Braun, 39, ist seit den 90er-Jahren Lufthansa-Flugbegleiter.

„Zwei Tage am Pool – die Zeiten sind vorbei“

München - Wir haben uns mit dem Flugbegleiter Patrick Braun über seinen Job unterhalten – und über renitente Seemänner, freundliche Amerikaner und Flugbegleiter in Münchner WGs.

Saft ausgeben im Flieger und dann ein paar Tage Pause am Pool. Früher war ein Körnchen Wahrheit an den Klischees über Stewardessen. Inzwischen klagen Flugbegleiter über die steigende Arbeitsbelastung. Heute sind sie erneut zum Streik aufgerufen, Flüge werden ausfallen.

Herr Braun, früher sagten kleine Mädchen, sie wollten einmal Stewardess werden. Ist Flugbegleiter noch ein Traumjob?

Ja. Der Bewerbungsstrom an die Lufthansa ist ja ungebrochen. Andererseits hat sich natürlich schon viel verändert.

Was denn?

Als ich in den 90er-Jahren angefangen habe, hatte man auch mal eine Woche frei in Nairobi. In der Zeit habe ich viele Kulturen kennengelernt. Heute sind die Ruhezeiten oft nicht länger als vom Luftfahrtbundesamt vorgeschrieben. Dann geht es zwölf Stunden nach der Landung in New York wieder zurück. Man liegt nicht mehr zwei Tage am Pool und hoch die Tassen. Die Zeiten sind vorbei.

Warum sind Sie Flugbegleiter geworden?

Ich war ursprünglich Flugzeugtechniker. Gewechselt habe ich dann wegen meiner Begeisterung fürs Reisen, der Faszination am Fliegen und wegen der Begegnungen mit den Menschen. Das macht mir einfach unheimlich Spaß. Natürlich könnte man das auch in der Kneipe haben. Aber so konnte ich es mit dem Fliegen verbinden.

Wie man hört, geben viele Flugbegleiter schon nach kurzer Zeit ihren Job wieder auf. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Es ist alles eine große Belastung. Auf den Kurzstrecken sind die Zeiten oft sehr knackig. Es ist ja nicht so, dass wir an einem Tag eben nach Lissabon fliegen. Wir haben bis zu vier Flüge durch Europa am Tag – und das im Extremfall an fünf Tagen hintereinander. Dazu kommt, dass der Ton rauer geworden ist.

Was sind kritische Situationen an Bord?

Auf einem Flug von Frankfurt nach San Francisco hatten wir vor ein paar Wochen einen Seemann an Bord, der sich reichlich mit Alkohol versorgt hatte. Er ist immer lauter und aufbrausender geworden. Zunächst haben Stewardessen versucht, ihn zu beruhigen. Dann bin ich gekommen. Der Mann wurde aber immer noch lauter und auch ausfallend.

Und dann?

Wir haben ihn nur in den Griff gekriegt, weil seine Mitreisenden, russische Seemänner, ihn in den Sitz gedrückt haben. Er hat aber weiter um sich geschlagen. Solche Situationen erleben wir häufiger.

Klingt nach deutlich mehr als Tomatensaft bringen und Sicherheitshinweisen.

Sie bekommen als Gast ja nur einen Bruchteil unserer Aufgaben mit. Das klassische Bild ist die Versorgung unserer Passagiere. Alles andere sieht man nur in Notfällen. Crashs oder Abstürze sind in Europa sehr selten. Auf Situationen wie Druckverlust oder Notlandungen sind wir Flugbegleiter bestens vorbereitet. Viel häufiger sind aber medizinische Notfälle. Erst vor drei Wochen hatte eine 18-Jährige einen epileptischen Anfall.

Was macht man da?

Wir hatten das Glück, dass wir einen Arzt an Bord hatten. Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir mit unserer Ausbildung zurechtkommen. Wir müssen entscheiden: Haben wir das im Griff? Oder müssen wir zwischenlanden? Wir sind an Bord sehr gut ausgestattet. Ich weiß, wie man reanimiert oder einen Defibrillator benutzt. im Notfall kann ich auch mal eine Spritze setzen.

Warum haben die Notfälle denn so zugenommen?

Es sind immer mehr Menschen geworden, die sich trauen zu fliegen. Heute reisen viele 80-Jährige nach Südafrika. Auch hochschwangere Frauen fliegen mit, ohne sich Gedanken zu machen. Fliegen ist wie Bus fahren geworden.

Was sind vor dem Flug Ihre Aufgaben?

Die Crew trifft sich schon drei Stunden vor einem Langstreckenflug. Bevor wir die Maschine abnehmen, ob sie richtig gereinigt und bestückt ist und dann die Gäste begrüßen, stellen wir uns noch auf die jeweiligen Passagiere ein.

Ist ein Amerikaner denn ein anderer Fluggast als ein Europäer?

Ich weiß ja nicht, wie groß Ihr Büro ist und mit wie vielen Kulturen Sie zu tun haben. Aber auf einem Flug nach New York sind schon mal 40 Nationen an Bord.

Welche Rolle spielt das für die Flugbegleiter?

Japaner sind zum Beispiel die anspruchsvollsten Gäste, die wir überhaupt haben. Wir bieten dann spezielle japanische Getränke und extra Geschirr. Alles muss mit großer Liebe zum Detail vorbereitet werden. Die Amerikaner hingegen verzeihen einem auch mal einen kleinen Fehler. Inder hingegen wollen oft eine große Auswahl und brauchen viel Aufmerksamkeit.

Was hat eigentlich der 11. September 2001 für Ihre Arbeit verändert?

Früher sind wir einfach an Bord gegangen. Heute gleicht das alles einem Hindernislauf. Wir müssen ähnlich wie die Gäste durch die Sicherheitschecks. Wenn wir früher mal einen Flug tauschen wollten, war das kein großer Akt. Jetzt werden unsere Daten in die USA so früh vermittelt, dass so was kurzfristig gar nicht mehr geht. Auf Flügen dorthin dürfen die Passagiere nicht mehr im Gang zusammenstehen.

Bis zu 7000 Euro können Flugbegleiter bei der Lufthansa verdienen. Trotzdem streiken sie.

Das liest man immer wieder – stimmt aber nur ganz selten in einem sehr starken Monat. Nach 23 Jahren als Flugbegleiter bekommen Sie laut Vergütungstabelle 4300 Euro brutto. Am Anfang verdienen Flugbegleiter ohnehin nur 1553 Euro. Dazu kommen Schichtzulagen, Spesen oder bezahlte Überstunden. In München ist das aber schon sehr schwierig. Hier wohnen viele in WGs, können sich kein Auto leisten. Viele Flugbegleiter kellnern zum Beispiel noch nebenher.

Bis wann wollen Sie den Job noch machen?

Bis zur Rente. Es ist eine Berufung. Jedes Mal, wenn ich die Uniform anziehe und ins Flugzeug steige, weiß ich: Das hier ist mein Zuhause. Ob ich gesundheitlich so lange weiter machen kann, wird sich zeigen. Ich bin bald 40 und kämpfe schon mit den Rahmenbedingungen.

Was wird schwieriger, wenn man älter wird?

Die Zeitverschiebung haut mich oft um. Wir wissen nicht genau, welche Auswirkungen die kontaminierte Kabinenluft auf unseren Körper hat. Dazu die Arbeitszeiten. Nicht mal an Ostern und Weihnachten ist man daheim. Kollegen haben die Hälfte der Geburtstage ihrer Kinder nicht mitbekommen. Zu Hause fragt man seine Freunde: Warum hast du dich nicht gemeldet? Und sie sagen: Wir dachten, du bist eh nicht da.

Interview: Felix Müller

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