Wie ein Zwerg Bill Gates ruinieren will

Mittelstandsserie I: - München - Auf alten Computern schlummert oft wertvolle Software. Die darf man weiterverkaufen - zum Missfallen von Microsoft. Eine kleine Münchner Firma legt sich mit dem US-Giganten an.

Plötzlich stand die Polizei in der Tür. Ein paar Beamte präsentierten den Durchsuchungsbefehl, da stand was von "gewerbsmäßigem Betrug" und "Markenverletzung". Kistenweise schleppten sie Akten und Datenträger nach draußen in den winzigen Lift. Die Aktion vor einem Jahr war der Höhepunkt im bizarren Streit eines Winzlings mit einem Giganten.

"Usedsoft" gegen "Microsoft", Mücke gegen Elefant: Eine kleine Firma in der Münchner Innenstadt treibt den Konzern zur Weißglut. Usedsoft handelt mit gebrauchten Software-Lizenzen. Wenn eine Firma wächst, neue Computer bekommt, kann sie von Microsoft zusätzliche Software kaufen. Oder von Usedsoft billigere gebrauchte.

Peter Schneider (52) sitzt in seinem kleinen Büro mit kahlen, schrägen Wänden und erklärt lebhaft das Geschäftsmodell. Lizenzen kaufen, sammeln, verkaufen, "das funktioniert wie auf dem Hamburger Fischmarkt". Mit dem Vorteil, dass alte Karpfen stinken, gebrauchte Lizenzen nicht. 20 bis 50 Prozent unter den Microsoft-Preisen bietet der Geschäftsführer seine Ware an.

Mit Erfolg. Größter Kunde ist O2, dazu kommen zum Beispiel Edeka, Rewe, der Flughafen München und die Stadt. Office gibt‘s für 250 Euro, Windows XP für 80, das ältere 2000 für 50, NT für knapp über 20 Euro. Das kleine Unternehmen mit Sitz im Tal neben McDonald‘s, dreieinhalb Jahre jung, durchschlägt heuer wohl die Zehn-Millionen-Grenze beim Umsatz und macht erstmals Gewinn. Unabhängige Experten schätzen den Markt für gebrauchte Software auf derzeit etwa 30 Millionen Euro in Deutschland, Tendenz: explodierend.

Wenn ein Betrieb pleite geht oder Jobs abbaut, werden die 27 Mitarbeiter neugierig. Zu den alten Rechnern gehören Software-Lizenzen mit enormem Wert. Diese Programme, die bisher auf ausgedienten Rechnern verrotteten, dürfen - so urteilen deutsche Gerichte - weiterverkauft werden.

Microsoft bezweifelt das, will den Wiederverkauf ausschließen. Solche Vereinbarungen seien ungültig, sagt Schneider trocken. Der Bauingenieur arbeitet seit Jahren in der Branche. Wer einen Kugelschreiber verkaufe, dürfe ja auch nicht festlegen, dass dieser nie mehr den Besitzer wechseln dürfe. "Erschöpfungsgrundsatz", sagen die Juristen dazu.

Ein paar juristische Fallstricke gibt es. Usedsoft darf nie mehr Lizenzen verkaufen, als es besitzt. Deshalb liegen Zehntausende virtuell auf Lager, die nötigen Millionen dafür stellt ein Finanzinvestor. Und die Herkunft der Software muss notariell bestätigt sein. Er beziehe "keine Lizenzen, die hinter Bukarest vom Lkw gefallen sind", sagt Schneider.

So ist der Betrieb legal. Die Staatsanwälte hielten ein paar Wochen nach der Durchsuchung auf elf Seiten fest, dass die Aktion überflüssig war. Verfahren eingestellt, "Tatvorwurf nicht haltbar".

Die Rempeleien mit Microsoft gehen weiter. Der Konzern hat Beschwerde gegen die Einstellung eingelegt. Weil die Staatsanwaltschaft, heißt es im Justizpalast, ihre Ermittlungen nicht mehr aufnehmen will, landen die Akten beim Generalstaatsanwalt.

Microsoft warnt seine Kunden indes schriftlich vor Usedsoft und Co. Schneider lässt im Gegenzug Flugblätter bei Microsoft-Terminen verteilen. Er wirft dem Konzern eine "Schmutzkampagne" vor. Dass bei der Durchsuchung zwei Microsoft-Mitarbeiter dabeigewesen seien, hält er für "Industriespionage".

Er ärgert den US-Konzern weiterhin mit seiner Werbung. Grinsend zieht der Chef ein paar T-Shirts aus dem Regal: "Ich werfe mein Geld nicht aus dem Window", ließ er darauf drucken. Und: "Bill Gates nichts an, wenn ich sparen will."

>>> Mittelstand im Blickpunkt: Alle Folgen der Serie im Überblick

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