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Verleger Dr. Dirk Ippen

Interview

Verleger Dirk Ippen: „Es muss die Wahrheit sein, worüber Medien berichten“

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„Lügenpresse“, „Fake-News“ und die Verantwortung der sozialen Medien - Merkur.de sprach mit dem Verleger und Herausgeber des Münchner Merkur Dirk Ippen.

Das Thema „Lügenpresse“ sorgt immer wieder für Diskussionen. Wir möchten mit unseren Leserinnen und Lesern im MerkurBlog darüber reden und konkret die Frage in den Raum stellen: „Fühlen Sie sich von der Presse falsch informiert?“

Dr. Dirk Ippen: Ich bin seit fünfzig Jahren Herausgeber von Tageszeitungen. Das Allerwichtigste ist immer noch: Es muss die Wahrheit sein, worüber wir berichten. Davon hängt das Schicksal einer Zeitung ab. Der Begriff Lügenpresse trifft mich als Verleger traditioneller Titel daher überhaupt nicht.

„Medien sollten nicht zur Hetze gegen Ausländer beitragen“

Ein häufiger Vorwurf lautet, dass Informationen zurückgehalten würden. Bei Straftaten etwa würde der ethnische Hintergrund des Täters verheimlicht werden.

Ippen: Die Medien sollten nicht dazu beitragen, dass Hetze gegen Ausländer in irgendeiner Weise befördert wird. Mit Hilfe des Presserates hatte sich die Branche die Regel verordnet, die Staatsangehörigkeit von Verdächtigen nicht zu nennen, wenn sie nicht tatrelevant ist. Inzwischen hat es einen Wandel gegeben. Der Leser fühlt sich nicht immer genug aufgeklärt, weil er etwa genauer wissen möchte, was für ein Menschentyp der Täter war. Der Münchner Merkur benennt jetzt in Print und Online die Herkunft der Verdächtigen und Täter – wenn sie bekannt ist.

Wenn die Polizei aber nicht die Herkunft des Verdächtigen veröffentlicht, vermuten einige Leser in ihren Kommentaren, dass es nur ein Ausländer sein kann.

Ippen: Bei aller Sorge um die innere Sicherheit in diesem Land auch nach der Flüchtlingswelle vor zwei Jahren darf man darüber nicht vergessen, dass Deutschland immer noch ein sehr sicheres Land ist. München ist nach wie vor die sicherste Millionenstadt der Welt. Da muss man die Kirche im Dorf lassen. In Deutschland leben ja zum Glück Millionen Ausländer seit vielen Jahrzehnten friedlich mit uns.

Der Begriff „Lügenpresse“ wird nicht nur von der AfD verwendet. Auch von politischen Führern in Russland oder Donald Trump wird der Presse vorgeworfen, unwahr zu berichten.

Ippen: Leider ist die Auffassung des amerikanischen Präsidenten, die Presse hätte nur die Aufgabe, ihn zu bejubeln. Einige tun dies, wie FOX News oder auch das Wallstreet Journal. Doch das Gros der Presse, allen voran New York Times und Washington Post, sind große Trump-Kritiker. Die freie Presse sorgt gerade dafür, Hintergründe über die Verbindungen zu Russland im US-Wahlkampf aufzudecken. Allerdings muss man sich mit der Thematik Fake-News im Internet ernsthaft beschäftigen. Wir müssen erkennen, dass die sozialen Netzwerke zu einer gefährlichen Waffe werden können, wenn sie bewusst verfälschend eingesetzt werden. Bisher haben die Betreiber sozialer Netzwerke immer behauptet, sie seien kein Medium, sondern nur eine Plattform für Nachrichten anderer. Die Verantwortung für die Inhalte haben sie mehr oder weniger abgelehnt. Langsam erkennen die sozialen Netzwerke aufgrund ihrer großen Reichweite, dass sie doch Verantwortung für das tragen, was auf ihren Plattformen erscheint. Entsprechend müssen sie die Inhalte kontrollieren und versuchen, Fake-News so weit wie möglich auszuschließen.

Was können wir als Medien dazu beitragen, dem Ausbreiten von Fake-News zu begegnen?

Ippen: Mein Standpunkt als traditioneller Verleger ist, wir müssen diese Probleme benennen und unsere Publikationen weiterhin nach den Prinzipien der Wahrhaftigkeit erstellen.

Ein weiterer pauschaler Vorwurf ist, dass die Medien von „Oben“ gelenkt werden.

Ippen: Das ist alter Unsinn. Wer soll dieses Genie sein? Diesen Vorwurf gab es schon in den fünfziger Jahren und richtete sich damals vor allem gegen Axel Springer. Aber: Journalisten leben in unserer Gesellschaft und sind Teil deren geistiger, emotionaler Entwicklung. Deswegen gibt es natürlich bestimmte Themen, die häufiger in der Zeitung erscheinen als andere.

„Es ist wichtiger, welche Meinung die Presse über die Politik hat als umgekehrt“ 

Haben Sie persönlich schon erlebt, dass sich bei Ihnen Politiker gemeldet und gesagt haben, Herr Dr. Ippen, können Sie das nicht ein bisschen anders schreiben?

Ippen: Das habe ich in den vielen Jahren meiner aktiven Tätigkeit immer wieder erlebt. Den Mächtigen gefällt es sehr gut, wenn die Zeitungen Jubelartikel schreiben, aber kritische Dinge mögen sie nicht. Ich hatte dann immer zwei Antworten. Erstens sollen Redakteure schreiben, was deren Überzeugung ist. Zweitens leben wir gottseidank in einem freien Land, in dem es wichtiger ist, welche Meinung die Presse über die Politik als welche Meinung die Politik über die Presse hat. Weil wir gefestigte freiheitliche Verhältnisse haben, ist es auch nicht schwer, Beeinflussungsversuche abzuwehren - auch von Franz Josef Strauß, der immer gerne anrief.

Medien wie uns wird vorgeworfen, im Wahlkampf zu kritisch und nicht objektiv über die AfD berichtet zu haben.

Ippen: Es ist sicherlich richtig, dass wir die AfD vor allem kritisch wahrgenommen haben. Frau Merkel und die Regierung wurden aber nicht weniger kritisch beleuchtet. Umgekehrt darf eine Zeitung nicht alles nur kaputt schreiben. Und was die Berichterstattung des Münchner Merkur über die CSU und die Regierung in Bayern angeht: Ich glaube, dass wir die schon immer sehr kritisch angegangen sind.

Also man darf schon Partei nehmen für einzelne Themen, aber man darf sich nicht mit einer Partei grundsätzlich solidarisieren?

Ippen: Was Sie gesagt haben, ist ein berühmtes Zitat eines der größten Zeitungsgründer vor dem 1. Weltkrieg, Leopold Ullstein. Der hat die Berliner Zeitung gegründet und in der Kolumne der ersten Ausgabe geschrieben: Die Zeitung will sehr wohl Partei nehmen, aber sie will kein Parteigänger sein.

Diskutieren Sie mit uns im MerkurBlog über das Thema „Lügenpresse“ und wie gut Sie sich informiert fühlen!

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